Peer Meer: Beethoven, Carlsen Verlag

Beethoven, Beethoven, Beethoven! Die Welt feiert den 250. Geburtstag. Und plötzlich ist das Beethovenjahr ganz schön still. Daher stellen wir ein Buch vor, das Beethoven auf skurrile, durchaus auch zynische Weise würdigt. Das ist aber extrem erhellend und inspirierend!

Tatatataaaaa! 

Als sie am am 17. Dezember 2019 angefangen haben, Beethovens Jubiläum zu feiern, war es mir am 18. schon zu viel. Jetzt bekomme ich allmählich wieder Sehnsucht. Wir hören zuhause mitunter Beethovens Siebte, auch seine Sechste, einen Satz aus der Dritten, so beim Abendbrot, wenn alle in Stimmung sind. Beethoven ist der Mann der Stunde. Er befriedet, macht ruhig, beim Abendbrot, wenn alle ihren Tag wegerzählen wollen, aber nicht jeder zuhören kann. Hach, Beethoven. Du Guter!

Was geht, Ludwig?!

Aber einiges geht eben doch, ganz old school "analog": Peer Meters und Rem Broos "Beethoven"-Buch ist beim Carlsen Verlag erschienen, ein Comic, oder wie man vornehm sagt: eine Graphic Novel. Also, ein gezeichnetes Buch. Vor allem ist das ein Kunstwerk!

Getönte Kunstwerke

Rem Broo hat einen Film gezeichnet: Süffig, mit breitem Strich, mit Druck und Kontur, üppig koloriert im Aquarellstil, schön atmosphärisch. Kunstwerke, die man sich auch aufhängen könnte. Landschaftsszenen, Details.

Was mir am besten gefällt, ist, wie Rem Broo sein Augenmerk auf Licht und damit auf Farbtemperatur gelegt hat. Das ist richtig gut komponiert - mit Bedacht und Konzept. Man glaubt nicht, wie viele Brauntöne er erfindet, wenn er Landschaftsszenen koloriert, wie viele Lilas er für Wiener Nachtszenen auf seiner Palette mischen kann und wie viel Dunst und Highlighter er in Bilder pumpt, wenn Texter Peer Meter etwa die Geschichte in Beethovens Badezimmer ausbuchstabiert.

Der kahle Titan

Skurril, unterhaltsam im besten Sinne und gut erzählt. Peer Meter hat sie an einem sehr verblüffenden Detail entsponnen. Ich liebe diese Art von Storytelling: wenn aus einer Winzigkeit ein Universum entsteht. Das winzige Detail ist hier: Beethovens Kopf! Der wurde im Totenbett einfach abgeschnitten. Wirklich!

Meine Lieblingsseite: "Der schaut ja aus wie ein gerupftes Huhn" tönt es aus dem Wohnhaus, in dem sein Leichnam aufgebahrt liegt. Man hat direkt nach Tod nicht nur sämtliche Locken vom Kopf geschnitten, bis der bis zur Unkenntlichkeit kahlköpfig dalag, sondern auch Unterkiefer, Gehörgang und und und rausgesägt. Und weil man den Kopf ein bisschen zu doll ausgeschlachtet hatte, haben sie ihm zur letzten Ruhe einen afrikanischen Schädel ins Totenbett gelegt. Einfach nur, damit das Skelett für den Fall der Exhumierung auch komplett ist. Krass, oder? Ist aber nicht erfunden. Ist wahr!

 Vom Tod aus erzählt

"Beethoven - Unsterbliches Genie" erzählt die Geschichte seines Todes wenige Tage nach seinem Tod: Die Umstände und vor allem, wie nur kurz danach eben diese ungeheuerliche Leichenfledderei begann. In verschiedenen, fantastisch gezeichneten Rückblenden erfährt der Leser auch, wie verlogen die Wiener Gesellschaft war, wie ätzend sich Beethoven gegenüber seinen stets wechselnden Haushälterinnen verhielt, wie soziophob und schmuddelig er in immer wieder unterschiedlichen Wohnungen in Wien hauste (er soll 80 Mal umgezogen sein!), wie zickig sich die beiden Sängerinnen Caroline Unger und Henriette Sontag um ihn mal sehr peinlich stritten.

Viele Anekdoten sind richtig gut recherchiert. Die Erinnerungen, also Flashbacks, und die Hauptgeschichte werden schön auf verschiedenen Ebenen montiert - eben weil der Zeichner die Flashbacks durch verschiedene "Weißabgleiche" charakterisiert, kommen die unterschiedlichen Handlungsstränge auch in der linearen Buchform gar nicht durcheinander. Wer alles schon weiß über Beethoven: Das hier verblüfft, ja, macht sehr viel Freude, das Buch.

Peer Meter, Rem Broo:
Beethoven. Unsterbliches Genie.
Carlsen, 2020
144 Seiten, 22 Euro

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 31.3.2020, 7:30 Uhr

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