Caroline Peters Tragödienmaschine ZDF kultur

Online ist so einiges möglich – man kann sogar selber zum Dramaturgen werden. Die digitale Plattform ZDF.kultur wird zur Bühne für das Projekt der "Tragödienmaschine" von Regisseur Simon Stone und dem Berliner Ensemble. Hier kann man sich aus 23 Szenen seine eine eigene Tragödie zusammenstellen.

Mir werden am Anfang drei Szenen vorgeschlagen. Alle drei machen mich neugierig. Da ich allerdings eine Entscheidung treffen muss, fällt die recht wahllos aus.

"Sie ist weg. Deine Mutter ist verschwunden. Die Unterwäsche liegt auf dem Bett. Die Kleider liegen auf dem Boden, dort wo ich sie ausgezogen habe. Sie ist weg!" - "Die Mami?" - "Ja, die Mami!"

Huch, zwischen Vater und Sohn scheint es Spannungen zu geben. Ok, das macht mich neugierig. Ich klicke zum nächsten Video. Das hat nicht direkt etwas mit der Szene zu tun, die ich vorher gesehen habe. Aber ich erkenne die beiden Schauspieler wieder.

"Friedrich! Ich weiß, was mein Vater getan hat!"

So geht das immer weiter: Mal dauert eine Szene eine Minute. Mal dauert sie sechs. Immer mehr erschließt sich mir, wie die Figuren miteinander verbunden sind. Es geht dabei um Frauen und Männer. Die Männer behandeln die Frauen schlecht. Der Vater vergewaltigt die Schwiegertochter. Ein anderer Mann schlägt und erniedrigt seine Frau. Die einzelnen Szenen funktionieren in sich. Die Dialoge sind extrem konzentriert geschrieben und transportieren sofort sehr viel. Mit jedem weiteren Klick setzen sich die einzelnen Szene zu einem großen Ganzen zusammen. Fast so, wie bei einem Puzzle.

"In deiner Beichte erinnert sich mein Sohn wie sein Vater eigentlich ist. Wie ich bin. Was ich brauche und was nicht. Und plötzlich hört sich das für ihn an wie eine private Fantasie von dir. Elektra-Komplex und so. Und wer ist am Ende die blamierte?" - "Ich."

Die Szenen stammen aus der Inszenierung "Eine griechische Trilogie" von Simon Stone am Berliner Ensemble. In dem Stück denkt Stone über Frauen in antiken Tragödien nach. Er bezieht sich unter anderem auf die "Lysistrata" von Aristophanes. In der Geschichte geht es darum, dass sich die Frauen den Männern sexuell verweigern, um sie so zur Beendigung des Krieges zu zwingen. Zerstörerische Männlichkeit. Das übersetzt Regisseur Stone ins heute. Und heute drängt sich dafür gleich ein Begriff auf: toxische Männlichkeit. Also das Festhalten an einer stereotypen und repressiven männlichen Geschlechterrolle. Männlich sein, koste es, was es wolle. Selbst, wenn das am Ende bedeutet, dass man seine Frau schlägt. Nur dass die Frauen bei Stone irgendwann auch zurückschlagen. Sie verlassen die Männer und fliehen auf einen abgelegenen Hof. Auf dem sie dann alle gemeinsam leben.

"Schon so lange keinen Sex mehr gehabt. Ich vermisse es gar nicht. Ich könnte für die nächsten fünf Jahre keinen Sex mehr haben!"

Die Geschichten sind düster, aber hochspannend. Ein Bühnenbild ist quasi nicht vorhanden. Und die Schauspieler*innen stehen die ganze Zeit wie in einem weißen Nebel. Das gibt dem Ganzen noch zusätzlich eine geheimnisvolle Atmosphäre. Auch dieses Springen von Szene zu Szene regt mich an. Nie weiß ich, ob ich nicht gerade etwas anderes verpasse. Oder ob noch etwas fehlt. Für Perfektionisten sicherlich eine Qual. Aber wahrscheinlich auch eine heilsame Erfahrung. Am Ende weiß ich nicht, ob ich mich durch alle 23 Szenen durchgeklickt habe. Ich bin auch in einer Stunde durch mit dem Experiment. Und wahrscheinlich kommt jedes Mal auch ein ganz anderes Stück zustande. Es funktioniert trotzdem. Die Lücken, die in der Handlung entstehen, fülle ich mit meiner eigenen Fantasie.

Ich bleibe mit einer riesigen, unbefriedigten Neugier zurück. Die Figuren sind so spannend interessant angelegt, eigentlich würde ich jetzt gerne nach Berlin reisen und mir das Stück in seiner vollen Länge anschauen. Bis ich das tun kann, bleibt mir aber nur meine eigene Fantasie.

Hier geht es zur "Tragödienmaschine" von Simon Stone.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 31.3.2020, 7:30 Uhr

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