Pollascheks Kanon: Candide

Voltaires 1759 erschienenes Buch "Candide, oder der Optimismus" hat wie kein anderes Buch den philosophisch-theologischen Diskurs nachhaltig verändert. Und zwar mit einer Satire, die ein bisschen wie ein Märchen und ein bisschen wie ein Abenteuerroman ist und ganz und gar nicht wie Philosophie.

Der junge Candide, auf der irrwitzigen Reise um die Erde

Candide stürzt von einem Unglück ins nächste. Begleitet wird er dabei von seinem Lehrmeister Pangloss, einem philosophischen Optimisten. "Optimismus" bezeichnet übrigens nicht einfach eine positive Grundeinstellung, sondern eine religiöse Philosophie, die im 18. Jahrhundert extrem angesagt war, weil sie eines der größten Probleme des Gottesglaubens zu lösen meinte: Nämlich die Frage, wie es sein kann, dass ein guter Gott die Welt erschaffen hat und sie trotzdem voller Leid ist.

Die beste aller möglichen Welten

Für Optimisten leben wir in der besten aller möglichen Welten. Das heißt, Gott hätte die Welt zwar ohne Leid erschaffen können, aber dann wäre sie insgesamt schlechter. So tun Zahnschmerzen zwar weh, aber ein guter Gott erlaubt sie, damit wir unsere Zähne nicht verrotten lassen. Danke, Gott! Die "optimistische" Erklärung ließ sich philosophisch schwer angreifen, denn egal welches Leid auch passiert, es könnte ja immer notwendig für die beste aller möglichen Welten sein. Da ist es nebensächlich, ob es sich um Zahnschmerzen oder um sterbende Kinder handelt, der Optimist kann alles als notwendiges Übel in der besten aller möglichen Welten erklären.

Optimismus mag logisch funktionieren, aber er ist emotional vollkommen daneben.

Naturkatastrophen, Folter, Versklavung – Candide und Pangloss erleben so ungefähr alles Schreckliche was die Welt zu bieten hat. Trotzdem bleibt Pangloss dem Optimismus treu und wiederholt die Lehre der besten aller möglichen Welten immer genau zum schlechtesten aller möglichen Zeitpunkte.

Indem er Pangloss zwischen Leichen und Verwundeten den Optimismus preisen lässt, zeigt Voltaire die schiere Absurdität dieser Lehre, ohne jemals ein einziges Gegenargument zu bringen. Das ist philosophisch ganz schön faul! Aber es ist auch genial. Denn was Voltaire damit geschafft hat, ist nicht nur, den Optimismus aus der Philosophie zu vertreiben. Er hat das europäische Denken für immer verändert. Mit "Candide" zeigt Voltaire, dass es Ideen gibt, die menschlich so daneben sind, dass es egal ist, ob man sie schlüssig verargumentieren kann. So stellt er der Logik einen intellektuellen Anstand gegenüber, der sich schwer herleiten, dafür aber umso deutlicher fühlen lässt. Man muss kein Philosoph sein, um das zu verstehen. Es reicht völlig, ein Mensch zu sein.

Sendung: hr2-kultur, Kulturcafé, 06.08.2019, 16:30 Uhr

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