Pollatscheks Kanon: 1984

Das beste was einem Science-Fiction-Roman passieren kann, ist, dass Menschen Jahrzehnte später feststellen, dass genau dieser Science-Fiction-Roman ihre Gegenwart akkurat vorhergesagt hat. Denn dann wird der Roman weiterhin gelesen und Leute sagen so Sachen wie "Gerade jetzt muss man diesen Roman lesen" oder "Nie war ein Roman relevanter".

Das ist übrigens auch das Schlimmste was einem Science-Fiction-Roman passieren kann. Denn wir sind schnell so begeistert davon, wie "relevant" ein Buch ist, dass wir dabei übersehen, wie gut es ist.  Und zwar nicht als Gebrauchsanweisung für die Zukunft, sondern als Auseinandersetzung mit etwas Zeitlosem.

Genau das passiert bei George Orwells 1984. Ja, das Buch, welches 1949 erschien, sagt bestimmte Entwicklungen voraus, die tatsächlich eingetreten sind. Vor allem die, dass die Menschen der Zukunft – also wir – unter permanenter Beobachtung stehen werden. Aber da hören die Parallelen auch schon auf. Denn bei Orwell wird die Beobachtung vom Staat erzwungen. Auf die Idee, dass wir uns unsere Siris und Alexas selbst kaufen, und Fotos und Videos für eine Handvoll "Likes" hochladen, kam Orwell nicht. Ist ja auch schön blöd.

Wenn Orwell irgendeine Zeit akkurat beschreibt, dann seine eigene. Das Buch stinkt nach der Armut, dem Hunger, den Trümmern der Nachkriegszeit. Aber auch diese historische Zeit ist in Wirklichkeit nebensächlich. In Wirklichkeit beschreibt 1984 keine historische, sondern eine persönliche Zeit, eine, die wir wohl alle mal erleben. Es sind die letzten Gedanken eines Sterbenden. Orwell litt während er "1984" schrieb bereits an der Tuberkulose, die ihn wenige Monate nach Erscheinen des Buches töten sollte.

In "1984" geht es um Winston Smith, einen normalen Mann, der versucht Big Brother zu widerstehen. Big Brother ist erst ein Mensch, eine Diktator, den es zu lieben gilt. Dann ist es der Staat, ein unbesiegbares System, in dem jeder eine Rolle spielt. Am Ende ist Big Brother ein allmächtiger Gott, dem wir uns nicht widersetzen können.

Winston Smith versucht es trotzdem. Mit einer jungen Frau flüchtet er in eine ganz private Welt. In ihrer Liebe finden die beiden Momente wie in Bernstein gegossen, die ihnen außerhalb der Zeit erscheinen.

Sie sind es nicht, diese Erkenntnis trifft uns wie ein Schlag. An einem bernsteinernen Nachmittag schaut Smith aus dem Fenster, sieht eine alte Frau die Wäsche aufhängen und stellt fest "Wir sind die Toten". Auf einmal bricht alles zusammen. Big Brother hat Winston doch, hat ihn immer gehabt, hat ihm das Gefühl der Freiheit nur als Teil des Spiels gegeben, um ihn dann noch vernichtender zu brechen. Der Rest des Buchs ist Tortur. Nach und nach verrät Smith alles was ihm einmal heilig war. Auch die Frau, die er liebte.

Orwell lässt nicht den letzten Hauch von Hoffnung zu. Er guckt der Sterblichkeit direkt ins Gesicht und sagt ihr, dass sie gewonnen hat. Diese schonungslose Ehrlichkeit ist fast nicht zu ertragen. Aber sie ist auch befreiend. So wie es eben befreiend ist, dass Unausweichliche zu akzeptieren. Für alle, die am Leben sind, ist kein Roman relevanter. Denn Orwell hat Recht: Wir sind die Toten. 

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 21.8.2019, 8:30 Uhr

Aktueller Song:
Lädt
Lädt
Lädt - Lädt
Lädt - Lädt
mit