Nele Pollatschek: Der alte Mann und das Meer

Ich habe ein Geständnis zu machen: Ich liebe Männer. Also, ich meine nicht diese humanoiden Zweibeiner, die meistens ein Y-Chromosom haben und manchmal einen Bart, ansonsten aber auch nur ganz normale Menschen sind. Ich meine den Mann, wie er im Buche steht. Anders als normale Männer, sind solche Literaturmänner niemals Versicherungsvertreter, Lehrer, oder Buchhalter. Das könnten Literaturmänner auch nicht, weil man dafür reden muss, und anders als normale Männer, reden Literaturmänner nicht.

Sie rauchen, sie trinken und sie schweigen

Sie schauen aufs Meer, sie schauen in Abgründe, sie schauen in das dunkle Herz des Waldes. Und Sie schweigen. Sie machen Krieg, sie machen Liebe, sie machen alles mit sich selbst aus, aber niemals, wirklich niemals, machen sie lange Sätze. Und hinter dieser stoischen Stille lodern Flammen, da tost das Meer, da tobt ein Orkan. Literaturmänner leiden still. Aber mein Gott, sie leiden.

Was es bedeutet, 84 Tage lang nichts zu fangen

Der Meister dieser Literaturmänner ist natürlich Ernest Hemingway. Mein liebster Hemingway ist "Der alte Mann und das Meer". Falls sie das Buch nicht gelesen haben: es geht um einen alten Mann. Und um das Meer. Und gleichzeitig geht es natürlich - denn das haben solche Literaturmänner ja so an sich - um die ganze Tragik des Lebens. Diese Tragik packt Hemingway schon in den ersten Satz:

"Er war ein alter Mann und fischte allein in einem Boot im Golfstrom, und seit vierundachtzig Tagen hatte er keinen Fisch mehr gefangen."

Man muss in seinem Leben nie eine Angel in der Hand gehabt haben, um zu begreifen, was es für einen alten Fischer bedeutet, seit 84 Tagen nichts gefangen zu haben. Im Rest des Buches wird dann auch eigentlich nur noch ausgeführt, was hier schon drinsteckt. Der alte Mann leidet. Ab und an kommt ein Junge vorbei, der sich um ihn sorgt. Die beiden verstehen sich wortlos. Wenn sie reden, reden sie über Sport – weil echte Männer, also erfundene Männer, das eben so machen. Auf dem Meer, wo sich die großen Dramen abspielen, ist der alte Mann allein. Bis er endlich, am 85. Tag, einen Fisch fängt. Und was für einen.

In Wirklichkeit gewinnt der Fisch

Einen Marlin, der größte, den er je am Haken hatte. So groß, dass er ihn weder ins Boot heben noch töten kann. Zwei Tage und zwei Nächte zieht der Marlin das Boot des alten Mannes durchs Meer. Die Angelsehne reißt dem Mann die Hände blutig. Die Sonne brennt. Das Trinkwasser geht aus. Es ist ein Kampf um Leben und Tod, den Mann und Fisch miteinander führen. Einer muss sterben, damit der andere Leben kann.

In diesem Kampf erkennt der alte Mann im Fisch seinen Bruder. Und beginnt auf einmal zu reden: über das Meer, das Leben, die Würde, den Kampf und das Leid. Er hört gar nicht mehr auf zu reden.

Ein echter Mann, ein toter Fisch

Am Ende kann der alte Mann den Fisch zwar töten, aber nicht vor den Haien bewahren. In Wirklichkeit gewinnt der Fisch. Denn, im Gegensatz zum alten Mann, ist er still geblieben. Und beweist damit: Der Einzige, der es auf Dauer aushält, ein echter Mann zu sein, ist ein toter Fisch.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 14.8.2019, 9 Uhr

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