Pollatscheks Kanon - Rousseau - Bekenntnisse

Haben Sie sich schon mal gefragt, wofür der Mensch eigentlich Literatur braucht? Eine meiner Lieblingsantworten auf diese Frage hat die amerikanische Wissenschaftlerin Blakey Vermule. Die sagt nämlich, dass es Literatur aus evolutionsbiologischen Gründen gibt. Unser Hirn ist von sich aus nicht wirklich in der Lage, zu verstehen, wie andere Leute ticken.

Tratsch ist die beste Literatur

Literatur zeigt uns treue, ehrliche Menschen, aber auch Lügner, Verräter und Mörder. So lernen wir zu erkennen, wem wir vertrauen können, und wem besser nicht. Damit erfüllt die Literatur laut Vermule eigentlich genau die gleichen Aufgaben wie Klatsch und Tratsch: Die reinste Form der Literatur ist dann also auch die, in der am meisten getratscht wird. Kann man so sehen, muss man aber nicht.

Wenn man es so sieht, dass Tratsch die beste Literatur ist, dann sollte man dringend die "Bekenntnisse" von Jean-Jacques Rousseau lesen. Rousseau kennen Sie wahrscheinlich als großen Philosophen und Pädagogen; als Autor des "Gesellschaftsvertrags" oder von "Émile". Aber mal unter uns: Er hätte genauso gut für die "Gala" schreiben können. Nicht mal die Mädchen bei "Germany's Next Topmodel" lästern so hemmungslos wie Rousseau. Und vor allem nicht so lang!

Lästern auf gut 900 Seiten

So lang sind Rousseaus "Bekenntnisse". Langweilig wird’s trotzdem nicht. Denn erstens, ehrlich gesagt: lästern ist verdammt unterhaltsam, sonst würde sich die Klatschpresse ja nicht so gut verkaufen. Zweitens: anders als die Klatschpresse, lästert Rousseau nicht über Prügelprinzen und C-Prominenz, sondern über Leute, die wirklich interessant sind, nämlich über die großen Geister der Aufklärung: über Voltaire und Diderot und über alle anderen, die im Paris des 18. Jahrhunderts Rang und Namen haben.

Keine Gnade

Vor allem aber - und das unterscheidet Rousseau von anderen Lästerbacken - lästert Rousseau über sich selbst. Und das mit Ansage schon auf der ersten Seite:

"Ich will vor meinesgleichen einen Menschen in aller Wahrheit der Natur zeigen, und dieser Mensch werde ich sein."

Die Wahrheit sagt Rousseau nicht immer

Er irrt sich gerne mal bei Zahlen und Fakten. Und trotzdem wirkt er schockierend ehrlich. Rousseau nimmt kein Blatt vor den Mund. Er schreibt detailreich über seine Liebesbeziehung zu einer 13 Jahre älteren Frau, die er "Mama" nennt. Oder darüber, wie er - der große Pädagoge - seine Lebensgefährtin zwingt, fünf gemeinsame Kinder ins Waisenhaus zu geben. Immer wieder beschreibt Rousseau mehr oder minder erfolgreiche Versuche mit Prostituierten. Oder wie er sich mit einem Freund ein kleines Mädchen zur Gespielin heranziehen will. Und in letzter Sekunde feststellt, dass seine Gefühle nun doch eher väterlich als sexuell sind.

Es geht nicht nur um Sex - aber viel

Inzest, Polyamorie, Prostitution und BDSM. Da ist für jeden was dabei. Manchmal kann Rousseau sogar ganz "Vanilla" sein. Und manchmal geht es auch gar nicht um Sex, sondern um die wirklich schönsten Nebensachen der Welt: um Literatur, Musik, Philosophie und große Gedanken. Richtig sympathisch wird einem Rousseau trotzdem nicht. Aber wer will schon Sympathie, wenn man auch richtig guten Tratsch haben kann?

Sendung: hr2-kultur Kulturfrühstück, 16.7.2019, 8:30 Uhr

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