Klaus Klemp-Platzhalter

Sie hat die Frankfurter Küche entworfen und wurde dadurch international berühmt. Margarete Schütte-Lihotzky war auch die erste Frau, die in Österreich Architektur studierte. Mona Horncastle hat die erste umfassende Biographie geschrieben.

In Frankfurt kennt man Margarete Schütte-Lihotzky, weil sie die Frankfurter Küche erfunden hat. Aber das ist nicht alles, denn sie war auch Architektin, Widerstandskämpferin und Aktivistin. Wer war diese Frau?

Allgemein ist der Name leider in Vergessenheit geraten, obwohl sie sehr viel beigetragen hat zur Verbesserung der Wohnungssituation, sowohl in Wien, als auch in Frankfurt, später in der Sowjetunion und nach dem Zweiten Weltkrieg in vielen kommunistischen Ländern. Sie ist in Opposition zu Hitler Kommunistin geworden, war aber keine Stalinistin.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Gespräch mit Mona Horncastle über Margarete Schütte-Lihotzky

Mona Horncastle
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Sie und ihr Mann sind gerade noch den Säuberungen entkommen, als sie 1937 Moskau verließen. Sie waren zuerst in Frankreich und England. Da sie aber arbeiten wollten, sind sie in der Türkei gelandet, einem wichtigen Zentrum für Kriegsflüchtlinge. Viele Deutsche und Österreicher haben dort unter Atatürk das Hochschulsystem aufgebaut. Bis sie dann angefangen hat, Nachrichten nach Wien zu schmuggeln, dabei entdeckt wurde und im Gefängnis landete.

Warum hat sie sich so durchsetzen können? In einer Welt, in der Frauen überhaupt keine Rolle spielten?

Sie hat sich einen Teufel drum geschert. Margarete Schütte-Lihotzky war eine hochattraktive, sehr kluge Frau. Sie war von ihrem Wesen her pragmatisch und systematisch. Sie konnte sehr gut rechnen und sich durchsetzen, weil sie ganz früh gemerkt hat: Ich kann auch die Ausnahme der Regel sein.

Margarete Schütte-Lihotzky

Und sie war einfach gut. Sie war die Beste in ihrem Bereich. Sie hat sich "Frau Architekt" genannt und sich nicht um Emanzipation geschert. Es ist schwierig aus unserer heutigen Zeit den emanzipatorischen Anspruch an sie zu legen. Das sind unsere Fragen, die wir an sie stellen. Und sie selbst hat sich die Frage nicht gestellt.

Man verbindet Margarete Schütte-Lihotzky mit dem Neuen Frankfurt. Woher kam das Engagement, diese Architektur für den Menschen?

Sie war spezialisiert auf Typisierung, also auf Rationalisierung von Wohnbau. Das heißt: ganz kleiner Platz, ganz wenig Geld, aber alles optimal eingerichtet. Was der Frankfurter Küche vorausging, war ihre geniale Idee, Einbaumöbel in die Häuser und in die Wohnungen einzubringen. Denn damit konnten die dem Mietzins zugeschlagen werden.

Zitat
„Das Politische in der Architektur wiederzuentdecken.“ Zitat von Mona Horncastle
Zitat Ende

Früher war eine Küche eine Wohnküche, da haben die Leute drin geschlafen, da haben sie gekocht, da haben sie gelebt. Es war aus der Not heraus geboren, dass die Küche der einzige Raum war, der beheizt war durch den Herd. Der Spruch Schütte-Lihotzky hätte mit der Frankfurter Küche die Frau eingesperrt ist so borniert, wie er zynisch ist. Als ob eine voll berufstätige Frau ihre Leidensgenossinnen in eine Küche einsperren würde.

Schütte-Lihotzky hat sich im Gegenteil sehr stark darum bemüht, die Lebenssituation für Frauen zu verbessern. Weil sie berufstätig war und weil sie gesehen hat, dass es immer mehr alleinstehende Frauen gibt, die irgendwo wohnen müssen. Micro Living, Serviced Apartments – alles was wir heute so im Bereich der Immobilien an Worten rumschwimmen haben, das hat sie auch schon angedacht.

Was können die Architekten von heute von dieser Frau, die über hundert Jahre alt geworden ist, lernen?

Das Politische in der Architektur wiederzuentdecken.

Das Gespräch führte Alf Haubitz.
Sendung: hr2-kultur, Kulturcafé, 17.1.2020, 17:10 Uhr

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