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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found 30 Jahre nach dem Mauerfall – Mehr Aufbruch wagen!

Eine Fahrzeugkolonne schiebt sich am 10.November 1989 in Richtung West-Berlin vorbei am Checkpoint Charlie.

Am 9. November 1989 wurde aus einem geteilten Berlin wieder ein vereintes. Wie ist es 30 Jahre nach dem Mauerfall mit der Solidariät zwischen Ost und West bestellt?

In seinem Vortrag "Das Leben der Anderen: Solidarität neu denken" für die diesjährigen Frankfurter Römerberggespräche geht der Soziologe Stephan Lessenich dieser Frage nach.

hr2-kultur: Solidarität neu denken? Was stimmt an der alten Vorstellung von Solidarität nicht mehr?

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Stephan Lessenich: Solidarität heißt Brücken bauen

Stephan Lessenich
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Stephan Lessenich: Wir haben eine Vorstellung, dass Solidariät immer nur unter "Gleichen" funktioniert, das heißt man muss sich möglichst ähnlich sein, um dann mit anderen etwas teilen zu können, andere unterstützen zu können, anderen helfen zu können. Ich glaube, man muss mit der Erfahrung von 30 Jahren Mauerfall und Wende mehr über Solidarität unter "Ungleichen" sprechen und sich die Frage stellen, ob es gar nicht die Gleichheit ist, die Solidariät hervorruft, sondern die Ungleichheit.

Wie ist es bestellt mit der Solidariät zwischen Ost und West, 30 Jahre nach dem Mauerfall?

Lessenich: Es war ja immer die Frage, übt jetzt der Westen Solidarität mit dem Osten? Es gab den "Soli", es gab die Rede vom "Aufbau Ost", als ob das sozusagen Nachkriegsgebiete seien und sich vom Westen her jetzt Helfertrupps rüber machen müssten, um da wieder Hand anzulegen und aufzubauen. Das heißt, die Vorstellung von Solidarität auch im vereinten Deutschland war sehr stark von der Asymmetrie, von der Ungleichheit zwischen West und Ost geprägt.

Man dachte eigentlich, da begegnen sich "Gleiche", weil sie alle die gleiche Staatsbürgerschaft haben, aber es sind sich "Ungleiche" begegnet [...] Von daher gab es womöglich auch Frustrationen in Ostdeutschland, weil diese Asymmetrie spürbar geworden ist. Man hätte vielleicht von Anfang an sagen müssen: Das sind "Ungleiche". Es sind zwar 17 Millionen Brüder und Schwestern im Osten gewesen, aber die haben ganz ungleiche, ganz andere Erfahrungshintergründe als wir und die muss man ernst nehmen.

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30 Jahre Mauerfall

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Aber was müssen wir denn jetzt neu denken?

Lessenich: Die Solidaritätsvorstellung selber, weil ich glaube, unter "Gleichen" wird man nicht wirklich Solidariät erreichen. "Ungleiche" heißt, dass man sich als Person begegnet oder als Bevölkerungsgruppen, wo man weiß, man hat Unterschiede und möchte diese Unterschiede überbrücken. Es geht darum Brücken zu bauen. Solidarität heißt zwischen "Ungleichen" etwas Gemeinsames überhaupt erst herzustellen, um dann gemeinsam handeln zu können.

Ich glaube, wenn man von Anfang an von der Gleichheit ausgeht, dann ist Solidarität gar nicht mehr nötig, dann handelt man ohnehin schon gemeinsam. Solidariät muss Ungleichheiten überbrücken und das gilt auch nach 30 Jahren Wiedervereinigung. Wir müssen die Ungleichheiten, nicht nur in der sozioökonomischen Lage, sondern auch die ungleichen Erfahrungshaushalte, die ungleichen Ansprüche, ungleichen Wünsche anerkennen, um dann überhaupt diese Ungleichheiten überbrücken zu können.

Sie behaupten: trotz Abschottung der EU gegen Flüchtlinge und Einwanderungsdebatte gibt es viele Beispiele für gelingende Solidarität. Woran machen Sie das fest?

Lessenich: Naja, weil wir jetzt seit einigen Jahren nicht nur den Aufschwung des Rechtspopulismus erleben, sondern in Ost, wie in West übrigens auch, eine massive Unterstützungsbereitschaft der "Ungleichen" erfahren haben, die hier nach Deutschland gekommen sind und zum Teil gerne hier bleiben würden.

Die Flucht- und Migrationserfahrung der letzten Jahre hat auch ganz viel solidarische Praxis zu Tage gefördert. [...] Ich glaube es gibt ganz viel Solidaritätsbereitschaft. Die müsste aber unterstützt werden und es müsste auch hier gesagt werden: Das sind ungleiche Menschen mit völlig ungleichen Erfahrungen. Migranten und Migrantinnen, die ihr Leben riskieren um hierher zu kommen. Sowohl in Ost- wie in Westdeutschland steht es auf der Tagesordnung diese Ungleichheit zu akzeptieren und Brücken zu bauen und nicht neue Grenzen aufzubauen.

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9. November 1989

Günter Schabowski, Sekretär des Zentralkomitees der SED, gibt eine neue Reiseregelung bekannt. Auf eine Nachfrage, ab wann denn die neue Regelung gelte, antwortet er: "Ab sofort, unverzüglich!". Diese Nachricht verbreitet sich schnell und tausende Einwohner machen sich auf den Weg zu den Grenzübergängen. Um 23:30 Uhr war der Andrang am Grenzübergang Bornholmer Straße so groß, dass Oberstleutnant Harald Jäger beschloss, die Schlagbäume zu öffnen und die Kontrollen einzustellen. Bis zu diesem Tag haben 137 Menschen ihr Leben an der Mauer verloren.

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30 Jahre Mauerfall - Thema in hr2-kultur

hr2 Der Tag:
Die Mauer im Kopf

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Passanten gehen an einem Wandbild mit der deutschen Nationalflagge und dem Schriftzug "Ossi oder Wessi? vorbei
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Wie wurden die Ostdeutschen, was sie sind? Wie konnte eine Gesellschaft entstehen, deren einzige Konstante der Wandel war und für die der Bruch zur grundlegenden Erfahrung wurde? Und ist der kulturell-gesellschaftliche Graben zwischen Ost und West immer noch so tief, dass man darin versinken kann?

Hörspiel:
Die Sicherheit einer geschlossenen Fahrgastzelle

Als am 9. November 1989 die Berliner Maier fiel, war der Magdeburger Thilo Reffert nicht dabei. Statt den ultimativen Augenblick der Befreiung mitzuerleben, steckte er in der Kaserne, wusste von nichts. Ganz abfinden damit kann er sich auch nach so langer Zeit nicht. Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 30.10.2019, 08:50 Uhr

Kulturszene Hessen:
30 Jahre nach dem Mauerfall – Mehr Aufbruch wagen!

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found 30 Jahre nach dem Mauerfall – Mehr Aufbruch wagen!

Eine Fahrzeugkolonne schiebt sich am 10.November 1989 in Richtung West-Berlin vorbei am Checkpoint Charlie.
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Die 47. Römerberggespräche nehmen das Jubiläum des Mauerfalls zum Anlass einer kritischen Bilanz der globalen Gegenwart: Wo verlaufen heute die großen Konfliktlinien und Gräben, und wo müsste 2019 ein vergleichbar mutiger Aufbruch in eine neue Epoche gewagt werden?

Szenische Lesung:
Willkommen und Abschied – Carl Blechen

1989 steht der 150. Todestag des Landschaftsmalers Carl Blechen vor der Tür. Zwei Kuratoren möchten ihn mit einer Ausstellung ehren: Der eine kommt aus der Alten Nationalgalerie in Ost-Berlin – der andere aus der Neuen Nationalgalerie im Westen der Stadt. Gegen beider Staatsraison verabreden sie eine Zusammenarbeit ... Irina Liebmann setzt sich in ihrem Werk immer wieder mit Berlin als Schauplatz deutscher Geschichte auseinander. Für hr2-kultur hat sie frei nach den Ereignissen der Zeit das Stück „Willkommen und Abschied – Carl Blechen“ geschrieben.

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