Amartya Sen

Von manchen wird er die "Mutter Theresa der Ökonomie" genannt: Amartya Sen wird mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Der indische Ökonom setzt sich für soziale Gleichheit ein.

Er sei die "Mutter Theresa der Ökonomie", doch Amartya Sen hat dieses Etikett nie gerne gehört und in Interviews immer lächelnd zurückgewiesen. Er habe nie Verzicht gepredigt oder sein Leben irgendwem oder irgendeiner Sache geopfert. Doch sein Wirken für soziale Gerechtigkeit und gleiche Lebenschancen für alle war so wirkungsvoll, er wurde es nie los.

Dabei stammt Amartya Sen aus einem privilegierten Elternhaus, wie er immer wieder betonte, dass seine Familie sehr akademisch sei. Sein Vater war Professor der Chemie, sein Großvater Professor für Sanskrit. "Es gab eine eindeutige Tendenz in meiner Familie. Ich wurde quasi auf dem Campus geboren und habe mein Leben damit verbracht, von einem zum nächsten zu reisen", sagt Sen.

Aufmerksamkeit für die Gleichheit der Geschlechter

Aber dieses privilegierte Leben fand nie im geschlossenen Elfenbeinturm statt. Traumatisch waren Erfahrungen als kleiner Junge. Der in Westbengalen geborene Sen war zehn Jahre alt, als er sehen musste, wie eine Hungersnot dort weite Landstriche verheerte und Millionen Menschen das Leben kostete.

Schon als Student und junger Wissenschaftler versuchte Sen, Wirtschaft und Sozialpolitik zusammen zu denken, zuerst in Kalkutta, später in Stanford und Harvard. Er absolvierte eine beeindruckende universitäre Karriere und stellte dabei fest, dass Themen wie Gleichheit der Geschlechter, Unterdrückung der Frauen wenig Aufmerksamkeit in Indien, aber auch der übrigen Welt bekamen. "Vielleicht ist das jetzt auch dank mir ein wenig anders und das verschafft mir Freude und Genugtuung", so Sen.

Für Demokratie und soziale Entwicklung

Mittlerweile gibt es sogar den nach ihm benannten Sen-Index – eine komplizierte Gleichung, die das Maß der Ungleichheit in einer Gesellschaft bestimmen soll. Wobei Amartya Sen immer wieder darauf hinwies, dass Wirtschaftswachstum alleine nicht Ungleichheit beseitigen könne. 1998 kam dann die höchste Ehrung – der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.

"Wenn jemand prominent wird, und der Nobelpreis sorgt zuverlässig dafür, ob Sie es nun verdienen oder nicht, bekommen sie eine riesige Menge an Post, mehrere hundert E-Mails pro Tag, unmöglich zu bearbeiten", erzählt Sen. Das Leben sei dann eindeutig schwieriger zu regeln. Aber der Nobelpreis habe Sen auch Geld gegeben, um zwei Stiftungen in Indien und Bangladesch zu gründen. Damit fördere er rudimentäre Gesundheitsfürsorge, Erziehung und die Gleichheit der Geschlechter. "Der Nobelpreis hat auch Möglichkeiten eröffnet", sagt er.

So heißt es auch in der Begründung der Friedenspreisjury, Amartya Sen sei immer auf der Seite der sozial Schwächsten gewesen, habe für Solidarität und Verhandlungsbereitschaft geworben und sich für Demokratie und soziale Entwicklung eingesetzt. Mit Amartya Sen wird einer der international bekanntesten Sozialphilosophen zum Friedenspreisträger 2020 gekürt. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert und wird am 18. Oktober in der Frankfurter Paulskirche verliehen.

Sendung: hr2-kultur, Klassikzeit, 17.6.2020, 14:30 Uhr

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