Angst

Bei Thrillern und Krimis genießen viele die wohligen Angstschauern, die bestimmte Szenen erzeugen. Wer im wirklichen Leben von Angstschüben überfallen wird, will nur eins: dass die Angst aufhört und nie mehr wieder kommt.

Buchautorin Susanne Kaloff hat lange Zeit unter Panikattacken gelitten, und sie hat einen Weg gefunden, damit umzugehen. Wie der aussah, das beschreibt sie in ihrem sehr persönlichen Buch "Angst ist nichts für Feiglinge: Mein Exit aus der Panik". Jetzt bin ich mit ihr verbunden. Schönen guten Tag, Susanne Kaloff. Allein das Wort Panikattacke klingt schon sehr bedrohlich. Was genau ist denn eine Panikattacke?

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Susanne Kaloff
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Umgangssprachlich wird das Wort in der Gesellschaft relativ salopp benutzt: "Oh, ich habe voll die Panik bekommen." Aber das ist nicht gemeint bei Betroffenen, sondern es ist ein sehr körperliches Ereignis, das innerhalb von kürzester Zeit beginnt und relativ abrupt auch wieder aufhört. Es sind Symptome wie Ohrensausen, Herzrasen, Gangunsicherheit, Schwindel. Also es ist etwas, was wie eine Welle über dich kommt und Panik verursacht. Bei mir war die größte Angst immer, dass ich einfach tot umfalle. Was man nicht tut von einer Panikattacke, aber man glaubt es jedes Mal wieder.

15 Prozent aller Menschen in Deutschland leiden unter Panikattacken und wissen vielleicht erst mal gar nicht, was sie da so haben. Nun haben Sie eben beschrieben, wie sich das bei Ihnen angekündigt hat. Was hat Ihnen in der Situation einer Panikattacke denn am allermeisten geholfen?

Das ist ganz individuell. Bei mir war es so, ich wollte alleine sein. Für mich war es so, dass ich in einem geschlossenen Raum am liebsten nach Hause wollte. Und manchmal hat ein Hotelzimmer gereicht. Es geht, glaube ich, um einen Schutz, der mir gefehlt hat, um etwas, was mir Sicherheit gibt, was ich selber mit meinem Körper nicht herstellen konnte draußen in der Welt, sondern eine Hülle noch braucht für außen herum.

Hat man Sie denn dann erreicht, also konnte man Sie trösten? Oder hat Ihnen das überhaupt nicht geholfen?

Nein, das hat mir nicht geholfen. Aber das ist auch nicht schlimm, da mache ich niemandem einen Vorwurf. Das war in den 80ern, da haben wir noch nicht so viel über mentale Gesundheit gesprochen wie heute. Sehr viel wurde weggewischt, weil man ja auch unbeholfen war. Und ich glaube, es ist sehr wichtig, darüber zu reden, dass das sein darf. Das es eben nicht heißt: "Du brauchst doch keine Angst zu haben", denn das lässt sich ja nicht vom Kopf wegwischen. Das ist etwas, das hat man, und da hilft es überhaupt nicht, wenn man sagt: "Du musst dir aber keine Sorgen machen oder keine Angst haben". Dass das Dasein darf, das halte ich für ganz wichtig.

Im Moment ist Angst in aller Munde, denn Corona macht vielen Menschen Angst. Was glauben Sie, steckt hinter dieser Angst?

Im Grunde lässt sich ja alles zurückführen auf die eine existenzielle Angst vor dem Tod. Das ist bei einer Panikattacke meiner Meinung nach nicht anders als jetzt. Und das, was wir jetzt erleben, ist ja, dass die Angst jetzt ein bisschen salonfähiger wird. Wir haben jetzt alle Grund, Angst zu haben. Und es kommen mehr Ängste hoch wie unter einem Brennglas. Aber eigentlich ist es ja die Angst, die immer so im Untergrund rauscht, nämlich die vor dem Unbekannten. Wer möchte schon gerne bedroht sein oder sterben? Mit dieser Wucht ist die ganze Welt so noch nicht bedroht gewesen.

Am Wochenende gab es in Berlin große Proteste gegen die Corona-Maßnahmen. Die Polizei musste eingreifen, weil gegen die Auflagen verstoßen wurde. Von Abstandhalten und Maskentragen war da nicht mehr viel zu spüren. Macht Ihnen das Angst, wenn sie so etwas sehen?

Nein, mir macht das keine Angst. Es ist schwer zu sagen, welche Informationen ich wähle. Ich kann natürlich ganz verschiedene Informationen, verschiedene Meldungen mir anhören. Aber letztendlich muss jeder für sich selbst entscheiden, wie er sich am besten schützt und die anderen schützt. Es ist schwer, nur, weil jemand eine andere Meinung hat, zu sagen: Das sind die Idioten. Ich ziehe die Maske auf für mich und für andere. Und ich mache die Sachen, aber es kommt ganz drauf an, in was für einem Film man gerade ist. Das finde ich sehr schwierig zu beurteilen. Aber ich finde auch – wie bei Panikattacken – es ist ganz hilfreich, dass man sich auf sich selbst verlassen kann und nicht auf Meinungen anderer. Diese Unterscheidungskraft ist etwas ganz Wichtiges bei Panikattacken.

Sie konnten sich auf sich selbst verlassen. Und das ist ja nicht selbstverständlich, über ein so persönliches Thema ein Buch zu schreiben und auch ganz offen zu sagen: Ich hatte Panikattacken. Ist Ihnen das schwer gefallen?

Nein, weil ich so viel Abstand gelassen habe von der letzten Panikattacke bis zu dem Schreiben des Buches. Ich habe seit zehn Jahren keine mehr. Und ich hätte das auf dem Höhepunkt nicht gekonnt, weil ich selbst noch zu ängstlich war. Ich habe es jetzt gekonnt. Und deswegen hilft das Buch, glaube ich, weil es Mut macht im besten Fall, dass da jemand ist, die es hinter sich gebracht hat. Ich konnte mir gar nicht vertrauen. Und deswegen hatte ich auch sehr viele Ängste. Und das ist auch der Weg in dem Buch, dieses In-sich-selber-Vertrauen, dass man gute Erfahrungen sammelt. Ob es jetzt ein Weg zum Bäcker ist, vor dem man Angst hat, oder ob es ein Flug nach New York ist, das ist eigentlich egal. Das ist bei jedem anders. Aber es ist hilfreich, Dinge zu schaffen, vor denen man Angst hatte. Das schafft Vertrauen. Und das ist wichtig.

Wie genau lautet denn Ihre Exitstrategie? Wie kann man es schaffen, Ängste in den Griff zu bekommen?

Man muss sie gar nicht in den Griff bekommen, im Sinne von "die um die Ecke bringen" oder "abhängen". Ich habe mein Leben lang versucht, sie wegzuschieben. Bis ich mich dann wirklich mal wortwörtlich umgedreht habe und gefragt habe: Was willst du eigentlich von mir, als ich mal wieder eine Panikattacke auf offener Straße in New York hatte.

Eine Exit-Strategie ist eben nicht ein Exit im Sinne von "ich renne weg", sondern ich begegne der Angst, die mir ja auch irgendetwas zeigt über mich, wo es sich lohnt, hinzugucken und Erlebnisse zu suchen und Erfahrungen zu suchen und zu machen, die mich bestärken, dass ich mir vertrauen kann. Egal, wo ich auf der Welt bin, und egal, wie stark die Bedrohung von außen ist.

Also sie praktisch als Teil eines Selbst anzuerkennen und gar nicht zu versuchen, sie von einem zu weisen. Habe ich es richtig verstanden?

Genau, die reinzuholen und sich mit der zu verbünden, was hilft, denn sonst rennt man sein Leben lang weg. So etwas, was in Wahrheit nicht im Außen ist, sondern in uns selber.

Frau Kaloff, Sie schreiben: "Sich auf seine Schwächen oder auch bloß auf seine scheinbaren Schwächen zu konzentrieren, ist das wirkungsvollste Mittel, um Ängste zu kreieren." Würden Sie sagen, wir beschäftigen uns zu sehr mit unseren Schwächen? Oder anders gefragt: Hilft es, sich mehr auf seine Stärken zu konzentrieren?

Absolut. Ich meine nicht, dass man so tun soll, als ob alles super wäre und die Augen verschließen. Auch jetzt beim Beispiel Corona gar nicht. Sondern in die Eigenverantwortung gehen, zu merken, wie stark man ist, und dafür etwas tun, dass man stabil ist und stark ist und gesund ist und kräftiger, als man annimmt. Das halte ich für eine mindestens so wichtige Medizin wie Hände waschen, dass man seinen Geist auf das Positive trainiert. Deswegen bin ich ja auch ein großer Fan von Meditation und von Dingen, die wir in der Hand haben. Dass wir nicht hin und her geschubst werden als Opfer der Umstände und der Zeit, sondern das Leben bei den Hörnern packen.

Nun ist ja nicht jede Sorge – und mag sie oberflächlich betrachtet auch übertrieben sein – eine Panikattacke. Wann aber, sagen Sie, sollte man sich unbedingt helfen lassen?

Ich glaube, das spürt man. Bei mir war es so, dass ich in einem Urlaub in Griechenland nach einem Urlaubstag nach Hamburg wieder fliegen musste, weil ich mir sicher war, ich habe einen Gehirntumor. Es gab keine Symptome außer die aufgezählten: Flimmern vor den Augen, Gangunsicherheit, Angst, Panik. Es war eine von vielen Panikattacken, und ich brauchte einmal die Bestätigung vom Arzt, dass ich nichts am Kopf habe. Medizinisch war alles in Ordnung. Und da habe ich schon gemerkt. ich muss jetzt irgendwas machen.

Susanne Kaloff

Ich hatte auch schon zuvor Therapien gemacht, und ich hatte mich schon viel damit beschäftigt. Ich glaube, manchmal ist es auch so, dass es da gar keine Abkürzung gibt, sondern dass das ein individueller Weg ist. Und den geht man voran. Ich will gar nicht so sehr Werbung für mein Buch machen, aber ich glaube, dass mein Buch dabei sehr helfen kann. Jemanden zu sehen, der den Weg gegangen ist. Es ist keine Hauruck-Methode, die man kaufen kann. Meiner Meinung nach geht es auch nicht mit Tabletten. Aber auch das muss man mit sich besprechen.

Und vor allem, dass man nicht alleine ist, dass es noch andere Menschen gibt, die das auch haben.

Genau. Das ist so wichtig.

Angst ist nichts für Feiglinge. Die Autorin Susanne Kaloff verrät in ihrem neuen Buch ihren persönlichen Weg aus der Panik. Ganz herzlichen Dank für das offene Gespräch, Frau Kaloff.

Ja, vielen Dank Ihnen.

Die Fragen stellte Catherine Mundt.

Sendung: hr2-kultur, "Kulturcafé", 03.08.2020, 17:10 Uhr

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