Theater Willy Praml, Antigone: Reinhold Behling, Birgit Heuser

Es zählt wohl zu den meistgespielten Stücken auf deutschen Bühnen: Sophokles' "Antigone". Die störrische Königstochter beerdigt darin ihren Bruder Polyneikes, obgleich dies verboten ist. Und die Tragödie um Gewissen und Gehorsam, um Schuld und Sühne beginnt. Im Frankfurter Theater Willy Praml wurde sie nun zur Premiere gebracht.

Esther Boldt, wie hat das Ensemble um den Frankfurter Theatermacher den Stoff angefasst?

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Frühkritik: "Antigone" im Theater Willy Praml

Theater Willy Praml, Antigone: Jakob Gail
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Es ist ganz klar eine Theatergruppe, der solche Klassiker liegen, der hohe Ton, die grandiose Sprache, und auch große Fallhöhe, die in der Tragödie verhandelt wird. Es gibt eine eindrucksvolle Bühne, weiße Stufen, von denen rote Farbe, Blut herunterrinnt. Denn schließlich beginnt "Antigone" auf dem Schlachtfeld, auf dem zwei Brüder um die Vorherrschaft in ihrer Heimatstadt Theben gekämpft haben, die Söhne des Ödipus, und beide sind durch die Hand des jeweils anderen gefallen.

Bevor wir weiter in den Inhalt einsteigen, eine obligatorische Frage: Wie löst denn das Theater Willy Praml die Corona-Auflagen?

Das Ensemble hat das große Glück, in der großen Naxos-Halle zu spielen, und Michael Weber, der zusammen mit Willy Praml Regie führte, sagte, sie würden hier quasi unter Freiluft-Bedingungen spielen. Der Raum wurde einfach umgedreht: Das Publikum sitzt in der Weite der Halle, wo sonst die Bühne ist, bis zu 100 Personen können hier Platz finden, und die Bühne wurde in den früheren Zuschauerraum gebaut.

Gespielt wird ja die Nachdichtung von Friedrich Hölderlin, der berühmte Verse schuf wie "Ungeheuer ist viel. Doch nichts ungeheurer als der Mensch." Haben Sie denn dort Ungeheuer gesehen auf der Bühne?

Ja, da wurde sowohl allzu Menschliches als auch allzu Ungeheures sichtbar. Eine Szene, die mir besonders in Erinnerung geblieben ist, ist der Disput zwischen König Kreon, der glaubt, Antigone zum Tode verurteilen zu müssen, und seinem Sohn Hämon, dem Verlobten der Antigone.

Kreon fordert, ganz Patriarch, unbedingten Gehorsam von seinem Sohn ein, der auf keinen Fall einer Frau nachgeben dürfe, auch, um die Einheit und Sicherheit der Stadt zu gewährleisten. Hämon entpuppt sich in dem Konflikt sich als geschickter Redner, der einerseits Verständnis durchblicken lässt für die Härte seines Vaters, dem aber auch vollkommen klar ist, dass dieser sich mit dem Todesurteil ins Unglück stürzt.

Es geht ja auch um blinde Herrschaft in der "Antigone", um Unvernunft, die sich als Vernunft maskiert. Wer spielt denn die Antigone, und wer den Kreon?

Theater Willy Praml, Antigone: Anna Staab

Es ist eine Besonderheit der Inszenierung, dass die Rollen auf mehrere Spielerinnen und Spieler verteilt werden. Birgit Heuser, Reinhold Behling und Anna Stab spielen Kreon im Wechsel, Antigone wird von zwei Schauspielern und einer Schauspielerin gespielt. Es ist ein fast empathisches Moment dieser Inszenierung, dass die Konflikte ent-personalisiert werden und damit für allgemein gültig erklärt: Wir können alle Herrscher sein oder Beherrschte, Couragierte oder Mitläufer.

Geht dieses Konzept, geht überhaupt die Inszenierung für Sie auf?

Ja, es gelingen sehr eindringliche, starke Momente, und es ist interessant, diese Wechsel zu beobachten und zu sehen, wie unterschiedlich die Spielerinnen und Spieler an die Figuren herangehen. Zudem ist der Konflikt zwischen Macht beziehungsweise Machterhalt und Moral oder der Fähigkeit, auch mal unbequeme Wege zu gehen, zeitlos.

Weitere Informationen

Zur Webseite des Theaters

Theater Willy Praml
Waldschmidtstraße 19
60316 Frankfurt

zahlreiche weitere Aufführungstermine bis zum 4. Oktober

theaterwillypraml.de

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Letztlich aber besteht ja kein Zweifel daran, dass Antigone Kreon moralisch überlegen ist, dass es menschlich ein Unding ist, den eigenen Bruder oder Neffen von Hunden und Vögeln fressen zu lassen, und bisweilen wird das zu deutlich, zu lange ausgespielt.

Also: Starke Antigone mit kleinen Schwächen.

Die Fragen stellte Martin Maria Schwarz.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 01.09.2020, 7:30 Uhr

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