Leere Straße

Die Plätze sind leer, die Bewohner im Home-Office, und auf den Straßen sind kaum Autos zu sehen. Die Angst vor dem Corona-Virus bedeutet nicht nur private Einschränkungen, sondern hat auch Folgen für die Städte. Doris Kleilein ist Architektin und sie beschäftigt sich mit der Frage, wie die Krise unsere Lebensräume verändern wird.

Es wird ja tatsächlich etwas voller, die Menschen gehen wieder raus. Dem Lockdown folgen Lockerungen. Welche Folgen können Sie jetzt im Moment in den Städten schon sehen?

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Doris Kleilein über die Stadt nach Corona

Doris Kleilein
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Im Moment sieht man natürlich, dass der Verkehr zunimmt, dass wieder mehr Autos auf der Straße sind. Es gab ja diesen wunderschönen Moment im März, April, als es so ruhig wurde – weniger Autos, weniger Fluglärm. Das scheint jetzt sich langsam wieder zu verändern. Es sind allerdings weniger Menschen in Bussen und U-Bahnen; das geht doch recht zögerlich weiter.

Nun haben wir ja zum Beispiel Bilder vom verwaisten Markusplatz, vom Times Square oder von den Champs Élysées. Haben die den bewiesen, dass eine viel zu enge Bebauung für eine hemmungslose Verbreitung verantwortlich ist, oder lagen wir da einfach falsch?

Blick über den menschenleeren Roten Platz in Moskau am 18. Mai 2020.

Das ist nicht so ganz einfach zu beantworten. Generell muss man sagen: Man kann nicht Dichte generell gleichsetzen mit einer Ausbreitung des Virus. Man hat das gesehen: Verantwortlich für die Ausbreitung ist der Austausch, ist das Reisen. Der Virus kam ja auch nach Deutschland erst in ländliche Gemeinden und hat sich dann von dort aus weiterverbreitet. Es waren immer kleine Gemeinschaften, von denen das ausgeht. New York ist natürlich sehr dicht, aber das Problem war eher der Austausch und dann natürlich, dass das Krankensystem nicht besonders effizient war.

Wie gehen wir denn jetzt damit um, dass Restaurants und kleine Läden vielleicht verschwinden werden, weil die schlicht pleite sind und dann im Stadtbild fehlen?

Das ist tatsächlich ein größeres Problem. Wenn man zum Beispiel nach Amerika blickt: Der Gewinner der Krise ist im Moment die Tech-Industrie. Amazon stellt Hunderttausende ein, der Handel verlagert sich immer weiter ins Internet. Und das führt dazu, dass Läden verschwinden, aber auch im größeren Maßstab, dass Malls leerstehen und umgenutzt werden müssen.

Während der Corona-Krise wurde viel online bestellt, jetzt stapelt sich der Abfall der Bestellungen wie hier in Berlin an den Müllschluckern.

Wir sind in Europa mit dieser Entwicklung noch nicht ganz so weit. Aber wir haben ja auch gesehen, dass Lieferdienste und Warenbestellungen stark zugenommen haben. Ob Läden jetzt wirklich dauerhaft hier verschwinden, dass hängt natürlich auch stark davon ab, wie lange die Pandemie noch anhalten wird. Und natürlich auch davon, wie die Gelder verteilt werden, die im Moment ja beraten werden.

Spielt das eine Rolle bei Gedankenspielen über die Architektur der nahen Zukunft, dass man da jetzt auch mit ganz neuen Ideen heran geht? Die Innenstadt muss ja dann vielleicht auch anders geplant werden, wenn man davon ausgeht, dass es vielleicht weniger Läden gibt oder dass es weniger Restaurants gibt oder dass Menschen sich woanders aufhalten als jetzt im Gartenbereich des Restaurants.

Schaufensterpuppen in einem Geschäft, das wegen der Corona-Krise schließen musste.

Das Ziel ist natürlich schon die Innenstädte und die Städte insgesamt lebenswert zu halten. Es gibt ja immer den Dreiklang Verkehr – Freiraum – Wohnen und Arbeiten und da gehören natürlich auch die Läden und die vielen Kultureinrichtungen dazu. Wenn viele die Krise nicht überleben – das sind ja im Moment vor allem kleine Kinos, kleine Theater, kleinere Kultureinrichtungen – dann wird die Stadt natürlich etwas unattraktiver. Und gemeinsam mit den teuren Mieten könnte das schon dazu führen, dass Menschen sich wieder mehr nach außen orientieren und die Kleinstädte und das Hinterland wieder attraktiver werden.

Also das Einfamilienhaus mit Garten am Stadtrand ist besser als die Altbauwohnung im Zentrum?

Corona Grafitti Liebespaar Mundschutz

Manchmal sah es jetzt während des Lockdowns tatsächlich so aus. Wenn Stadtplaner Umfragen machen, was man am liebsten möchte, dann sagen immer noch viele: das Einfamilienhaus. Es gibt aber natürlich mittlerweile sehr viele Modelle und Ideen, um die Qualitäten des Einfamilienhauses in die Stadt zu holen. Wir dürfen uns nichts vormachen: Natürlich wäre es für manche Gemeinschaften schön, wenn es wieder einen Zuzug gäbe, wenn man jetzt Dorfkerne wiederbeleben würde, oder wenn der Bestand ausgebaut wird. Aber wir können uns das klimatechnisch nicht leisten. Die Stadt in ihrer Dichte ist eigentlich die Lebensform der Zukunft. Wir müssen die Städte klimafester, klimasicherer machen und attraktiv halten. Die Dichte an sich ist nicht das Problem. Es geht darum, dass sie gut organisiert und gut gestaltet wird.

Wie geht das?

Eine Frau arbeitet am Laptop und hat ihr Kind auf dem Schoß (gestellte Szene).

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Man hat es ja jetzt gemerkt mit dem Home-Office, dass bei vielen zuhause der Raum zum Arbeiten zuhause fehlt. Es gibt Beispiele wie jüngere Genossenschaften, die wieder anfangen, Wohnungen so zu bauen, dass man verschiedene Wohnformen in einem Haus hat. Also kleine Wohnungen, große Wohnungen, dass es vielleicht eine Gästewohnung in einem Haus gibt. Dass man Arbeits- oder Gemeinschaftsräume im Haus hat, die man sich gerade in solchen Krisenzeiten teilen kann. Es geht darum, Wohnformen zu etablieren, die Wohnen und Arbeiten wieder enger zusammenrücken.

Es gab ja in der Nachkriegsmoderne diese Aufteilung: In der funktionalen Stadt wurde Arbeiten und Wohnen getrennt. Und in den letzten zehn Jahren geht es eigentlich dahin zurück, dass man wieder versucht, das zusammen zu denken.

Kann man sich in einer Zeit mit Klimadiskussion vorstellen, dass die Autos noch durch die Innenstädte fahren in Zukunft?

Ein Straßenarbeiter malt im Mai die Fahrbahnmarkierung für einen neu angelegten Fahrradweg am Boulevard Emile Jacqmain in Brüssel.

Also ich glaube, dass es nicht mehr allzu lange dauern wird. Man sieht es ja im Moment gerade mit Brüssel. Brüssel hat ja die Krise als Beschleuniger genutzt und hat in der Innenstadt eine relativ große Fläche verkehrsberuhigt und shared spaces eingeführt. Ich denke, die Zukunft der Städte und der Innenstädte wird sein, dass es nur noch wenig motorisierten Individualverkehr gibt und dass man sich den Straßenraum wieder zum öffentlichen Raum macht.

Muss man sich die Stadt der Zukunft auch als eine Stadt vorstellen, die auf die nächste Pandemie eventuell wartet und Notunterkünfte auch mit einplant?

Ja, ich denke schon. Die Pandemie, die wir gerade erleben wird bedauerlicherweise nur eine von vielen sein. Dürren oder Überhitzungen werden uns bevorstehen. Dazu gehören dann natürlich auch Notunterkünfte oder auch das Aufstocken von Krankenhausbetten zum Beispiel.

Der Mailänder Architekt Stefano Boeri steht auf einem Balkon seines "Bosco Verticale" (vertikaler Wald).

Der Klimaschutz ist tatsächlich eines der wichtigsten Themen. Viele Städte erarbeiten ja gerade Klimaanpassungs- und Klimaschutzpläne. Es werden auch ganz andere Themen in der Stadt wichtig, an die man vor einigen Jahren noch gar nicht gedacht hat. Zum Beispiel das Thema Schatten, Zugang zu Wasser im öffentlichen Raum. Das sind Themen, mit denen hat man sich bisher relativ wenig auseinandergesetzt. Und das wird zunehmen.

Wie ist es denn gerade heute, wo wir sehr viel über provisorische, jetzt gerade frisch angelegte Radwege hören, die aber dann bleiben sollen. Ist das auch so ein erster Schritt?

Ja, das Berliner Beispiel ging ja um die Welt. Ich denke, die Erfahrung, die wir in der Pandemie hatten, war die, dass es Alternativen gibt. Wir haben ja die Erfahrung gemacht, dass sich Dinge relativ schnell verändern können, dass wir uns in einem kleineren Radius bewegen. Das hat dazu geführt, dass an manchen Stellen improvisiert wurde und Dinge möglich wurden, für die man in der Verwaltung unter normalen Umständen lange gebraucht hätte. Plötzlich war der Platz da, und Einzelpersonen haben gehandelt. Das sind Beispiele, die machen Schule.

Kann man sagen, die gesellschaftliche Pause ist auch eine Chance in der Architektur darüber nachzudenken, was wir wirklich brauchen?

urban gardening

Ich denke schon, dass die Pandemie Entwicklungen beschleunigen kann. Es gibt jede Menge Entwicklungen in der Architektur und in der Stadtplanung, die man eigentlich jetzt in einem größeren Maßstab verwirklichen müsste. Ich sage mal als Beispiel urban gardening. Das war ja lange in der Nische, und es ist jetzt zu sehen, dass die öffentlichen Räume auch anders gestaltet werden könnten. Dass man die Stadt, die direkt vor der Haustür ist, vielleicht ganz anders benutzen möchte und wahrnehmen möchte und sich einbringen können möchte, zum Beispiel indem man in der Stadt anbaut auch wenn man keinen eigenen Garten hat. Diese Konzepte sind eigentlich bei Stadtplanern und Architekten vor allem der jüngeren Generation komplett angekommen. Es fehlt eigentlich eher der Wille und zum Teil auch die Finanzen, um die auf größerer Ebene zu verwirklichen.

Sendung: hr2-kultur, "hr2-Kulturcafé", 09.06.2020, 17:10 Uhr

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