Jackie Thomae

Die in Leipzig geborene Journalistin und Schriftstellerin Jackie Thomae wurde vergangenes Jahr mit ihrem zweiten Roman "Brüder" bekannt. Darin schildert sie die Lebenswege von zwei in der DDR aufgewachsenen Brüdern, Michael und Gabriel, die sich nicht kennen, denselben senegalesischen Vater haben und allein von ihren deutschen Müttern beziehungsweise Großeltern aufgezogen wurden.

Der Roman beeindruckte seine Leser*innen , weil die Autorin darin "race, class and gender" thematisiert, ohne das es explizit darum geht. Auf dem abgesagten literaTurm Festival war Jackie Thomae zu einer Diskussion über die Frage "Was darf Kunst?" geladen.

hr2-kultur: Im letzten Jahr standen Sie mit "Brüder" auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Die Widmung in Ihrem Roman lautet: Für euch, schwarze Schafe. Wer sind denn die schwarzen Schafe? Die "Weißen", die immer wieder über Hautfarbe reden oder die "Schwarzen", die immer noch abschätzig behandelt werden?

Jackie Thomae: Die schwarzen Schafe sind in diesem speziellen Fall ein Wortspiel. Natürlich geht es um Hautfarbe, natürlich geht es um einen schwarzen Vater. Die Kinder, die hier aufwachsen, wie ich und nicht weiß sind. Schwarze Schafe sind in dem Fall aber eben auch - in der deutschen Sprache - Leute, die sich, wie auch immer aus der Herde hervorheben. Auch aus der eigenen Familie. Und das meinte ich komplett hautfarbenunabhängig. Das ist der Witz an dieser Widmung. Es ist für all die Leute, die immer schon gedacht haben, ich gehöre nicht zur Masse. Ich muss hier raus, mir ist es hier zu eng, ich bin anderes als der Durchschnitt. Das hab ich damit gemeint.

Sie sind immer wieder dafür gelobt worden, dass Sie das Thema Rassismus im Buch eigentlich nur beiläufig thematisierten. Hat Ihnen das Schwierigkeiten gemacht?

Thomae: Nein. Ich habe mir das von Anfang an überlegt, wie streue ich das ein und wie subtil mache ich das. Und wie sehr weite ich meinen Blick. Es geht nämlich nicht immer nur aus der Perspektive dieser Leute. Und es geht nicht immer nur darum, ich bin jetzt anders, weil mein Vater woanders herkommt oder weil ich eine andere Hautfarbe habe.

Ich habe da auch ein großes Ensemble anderer Figuren. Und es stellt sich heraus, das sich sehr viele Leute aus ganz unterschiedlichen Gründen aus der Masse herausheben. Das war mir wichtig. Eben auch herkunftsmäßig.

Jeder Mensch in diesem Buch, mit dem ich mich näher beschäftigt habe, hat Eltern. Das ist ganz wichtig gewesen beim Schreiben und um an die Figuren ranzukommen. Und im Grunde könnten wir in jeder Biografie einen "Schwarzes-Schaf-Hinweis" finden. Wir sind nämlich alle nicht Erika und Max Mustermann. Auch das sage ich mit dem Buch.

Wir schauen uns die Welt ja immer durch unsere eigene Brille an. Geprägt durch unsere Erfahrungen. Kann man überhaupt eine neutrale, sensible Sprache erfinden?

Thomae: Ich denke man kann, indem man davon ausgeht, der andere ist wie ich. Indem man eben eine Sprache spricht, die zu keinem Zeitpunkt ausgrenzt oder auf andere herunterschaut.

Unter dem Motto "Erregungen" wollte das 10. Literaturfestival FrankfurtRheinMain literaTurm die zunehmende Gereiztheit gesellschaftlicher Debatten in den Fokus stellen. Gespräche mit ausgewählten Festival-Mitwirkenden hören Sie vom 23. bis 27. März im hr2-Kulturfrühstück und hr2-Kulturcafé und können Sie online hören.

Die Fragen stellte hr2-Moderatorin Bianca Schwarz.

Sendung: hr2, Kulturfrühstück, 24.03.2020, 7:30 Uhr

Aktueller Song:
Lädt
Lädt
Lädt - Lädt
Lädt - Lädt
mit