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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Ich dominiere nicht, ich lass' den Leuten ihren Raum" - Barbara Klemm im Portrait

Frau schaut lächelnd in Kamera

Die Grande Dame der Reportagefotografie hat in zahllosen Bildern die Geschichte Deutschlands dokumentiert. Für die Frankfurter Allgemeine Zeitung kam sie Politikern, Demonstranten, den Menschen auf der Berliner Mauer und den ganz normalen Menschen sehr nah. Ihre Reiseberichte abseits von Glamour zeigen eine schutzbedürftige Welt. Jetzt feiert Barbara Klemm einen runden Geburtstag.

Von Künstlern gefördert, in einer Männerdomaine erfolgreich

Sie fotografiert schwarzweiß und nur analog, sie fügt nichts hinzu und sie nimmt nichts weg. Sie wählt den Ausschnitt vor dem Abdrücken. Sie achtet sehr auf die Mimik und die Haltung der Menschen. Sie inszeniert nicht.  Und sie ist dort, wo sie sein muss. Sie gestaltet und macht wenige Bilder.

Barbara Klemm brachte und bringt als eine der wenigen Fotografinnen unserer Zeit dieses künstlerische Rüstzeug mit, das es für gute Fotos braucht. Ihre Ausbildung machte sie Mitte der Fünfziger-Jahre in einem Karlsruher Portraitatelier, dort vergrößerte sie ihre ersten Bilder.

"Aussicht und Einsicht" Barbara Klemm, Fritz Klemm, Atelier Karlsruhe, 1968

Ihre Eltern, die badischen Kunsterzieher Antonia und Fritz Klemm, förderten ihr Talent, der Vater ließ sich in seinem Atelier von ihr fotografieren. Tochter Barbara ging nach Frankfurt, arbeitete im Fotolabor der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, bis die Redaktion sie ins Freie schickte. Und sie völlig andere Fotos als die männlichen Kollegen mit zurückbrachte.

Barbara Klemm verhielt sich auf den Presseterminen unauffällig, beobachtete, zog erst im letzten Moment die Kamera aus der Tasche und machte ihr Bild. Auf den vielen Reisen mischte sie sich unters Volk, plauderte und lernte die Menschen erst ein wenig kennen, fragte dann, ob sie ein paar Bilder machen dürfe. Wegen ihrer Sanftheit im Auftreten, ihres Lächeln und ihrer Beweglichkeit, die auch aus der Neugier entstand, kam sie dorthin, wohin sich Kollegen nicht trauten, machte Bilder, die Zeitzeugnisse geworden sind.

Wolf Biermann bei seinem Konzert in Köln 1976

Der lachende und gleichsam gerührte Wolf Biermann beim Kölner Konzert im Gegenlicht; Popsängerin Madonna als verzückte Zuschauerin bei einer Pariser Modenschau; der riesige Alfred Hitchcock unter dem Dach des Hauptbahnhofs; Heinrich Böll und andere vor dem Raketenlager in Mutlangen, der bescheidene Andy Warhol vor Tischbeins Goethe in der Campagna – die Reihe der wichtigen, der ikonenhaften Bilder von Barbara Klemm ist lang.

Bescheidenheit als Strategie und als Stilmittel

Nie gibt sich mit dem konventionellen Blickwinkel zufrieden, oft benutzt sie eine Brennweite, die unüblich ist, geht in die Hocke und wartet ab, wo andere von oben mit lauten Spiegelreflexkameras einfach drauf halten. Von der Person Barbara Klemm ist selten etwas zu sehen, sie tritt nicht etwa wie eine Diva auf, tat das nie, selbst als sie schon berühmt war. Sie selbst braucht keinen Raum. Viele halten Barbara Klemm für eine schlichte Passantin, eine normale Hausfrau mit Handtasche, man lässt sie durch. Das leise Klicken ihrer Leica ist ebenso unauffällig - und hielt auf dem Film das Wesentliche fest.

Willy Brandt (M.) und Leonid Breschniew (li.)

Das Bild von ihr, das Geschichte schrieb, stammt aus dem Jahr 1973, als Leonid Breschnjew in Bonn war. War dieses Treffen ein Vorbote für die Wiedervereinigung? Diese begleitete Barbara Klemm wie keine andere Fotografin. Ihre Bilder von der Menschenmasse auf der Mauer und vom Flirt der jungen Frau mit den Grenzsoldaten, das von den singenden Politikern, sie gingen um die Welt.

Zitat
Meine Schule des Sehens waren Museen. Die Maler sind die eigentlichen Künstler. Wir Fotografen versuchen nur auf einem schnellen Weg Kunst zu kopieren. Zitat von Barbara Klemm
Zitat Ende
Fall der Mauer, Berlin 10. November 1989, 1989

Und diese Bilder ergänzten jene Aufnahmen von Barbara Klemm, die sie zuvor in der DDR gemacht hatte. Die Tristesse und die Situation der Menschen - und auch die fröhlichen Momente - hatte sie eingefangen, mit liebevollem Blick. Diese und andere Reportagen brachte ihre Zeitung, die F.A.Z., nicht nur auf den aktuellen politischen Seiten, sondern auch im Feuilleton und bisweilen sogar in der Samstagsbeilage, wo im Kupfertiefdruck das feine Korn der Schwarzweißfotografien besonders schön herauskam.

Chronistin des Wandels von Land und Welt

2005 ging sie offiziell in Rente, legte die Kamera aber nicht aus der Hand. Ausstellungen folgten, in eine U-Bahn-Station hängte man großformatige Klemms, die Studierende zeigen; schließlich brachten Museen für Moderne Kunst ihr Werk in Sonderschauen. Zum 25. Jubiläum der Wiedervereinigung hing ganz Frankfurt voller überdimensionerter Fotografien von ihr. Aus ihrer Dunkelkammer kommen immer neue Reihen abseits der Tagespolitik, so eine Reihe mit Bildern aus Italien, auf den Reisespuren Goethes.

Bleibt die Frage, ob die Fotos von Barbara Klemm Kunst sind oder sehr solides Handwerk. Weil sie immer ihren eigenen Blick zum Gestalten benutzt hat und nie Menschen zum Posen animiert (Alfred Hitchcock im Hauptbahnhof bleibt wohl die einzige Ausnahme), sondern den Augenblick meisterhaft erfasst, bewegt sie sich auf dem Grat von intensivstem Ausdruck und größtmöglicher Freiheit.  An die Perfektion einer Barbara Klemm kommt keiner der jüngeren Kollegen heran. Keiner hat diese Gabe des richtigen Hinschauenkönnens.

Audiobeitrag

Podcast

Zum Artikel hr2-Doppelkopf - Die Fotografin Barbara Klemm erzält vom ästhetischen Reiz der analogen Schwarz-Weiß-Fotografie.

Frau schaut lächelnd in Kamera
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Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 27.12.2019, 8:45 Uhr

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