Conrad Faber von Kreuznach: Doppelbildnis des Justinian von Holzhausen und seiner Frau Anna, 1536, Städel-Museum, Frankfurtl.

Das Museum Giersch der Goethe-Universität Frankfurt widmet sich in seiner aktuellen Ausstellung der Faszination des Porträts. Man findet dort viele Namen, die man von Frankfurter Straßennamen her kennt, aber auch ein Porträt des verfetteten Katers von Johann Christian Senckenberg.

Wenn heute Selfies der Selbstvergewisserung und Idealisierung dienen, waren Porträts in der Zeit von der Renaissance bis zur Aufklärung ein wesentliches Mittel zur Darstellung der gesellschaftlichen Ordnung, der familiären Abstammung und des damit verbundenen Machtanspruchs. Stefanie Blumenbecker hat sich die Ausstellung angesehen. Stefanie, wen kann man in der Ausstellung des Museums Giersch denn finden?

Anton Wilhelm Tischbein: Bildnis des Johann Christian Senckenberg, 1772, Dr. Senckenbergische Stiftung.

Berühmte Namen der Frankfurter Stadtgeschichte; es ist also eine Frankfurter Ausstellung. Das muss man vielleicht vorweg sagen. Der heute noch bekannteste ist vielleicht Johann Christian Senckenberg als Gründer der Senckenbergischen Stiftung und des ersten Frankfurter Bürgerhospitals. Aber auch Namen wie zum Beispiel Johann Christian Gerning, Johann Georg von Holzhausen oder Johann Adolph Steffan von Cronstetten sind manchem vielleicht noch geläufig. Aber die Ausstellung nimmt eigentlich vor allem in den Blick, wie sich über die Sammlungen dieser Familien, also des Frankfurter Patriziats, Stadtgeschichte fassen lässt.

Sie haben's eben schon gesagt: Es geht um Machtanspruch, Selbstverständnis und auch Bildungsgrad derjenigen, die über Jahrhunderte die Geschicke der Freien Reichsstadt bestimmten. Das heißt also wie das, was diese Familien gesammelt haben, das sichtbar werden lässt. Das ist eine sehr komplexe Ausstellung, die weit in die lokale Geschichte ausgreift und eher historisch ist als eigentlich künstlerisch.

Können Sie uns ein Beispiel dafür geben?

Wer es sich in der frühen Neuzeit leisten konnte, das heißt so ab dem 16. Jahrhundert, der sammelte eben, und zwar gerne antike Skulpturen, Porzellan oder auch Fundstücke aus der Neuen Welt. Und natürlich auch Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafiken, alle solche Dinge. Und man kann ja auch Porträts sammeln. Das machen die Kinder bis heute, wenn sie Fußball-Sammelbildchen sammeln, sammeln sie ja auch Porträts.

Und so findet man zum Beispiel in der Sammlung von Heinrich Kellner auf der einen Seite Kupferstiche italienischer Altertümer. Aber er stellte auch ein Geschlechterbuch zusammen, und in den dort zusammengetragenen Zeichnungen werden seine Familiengeschichte und seine Abstammung fassbar. Und dann hat Kellner noch ein Kunstbuch gehabt. Da sind dann zum Beispiel auch Erotica zu finden oder Absonderlichkeiten wie ein fehlgebildeter Hase, der war berühmt damals, den hat auch Dürer gezeichnet.

Frankfurter Werkstatt: Ahnenbaum von Maria Justina und Johann Maximilian zum Jungen, 1634, Städel-Museum, Frankfurt.

In diesen Sammlungen der Familien wachsen natürlich im Laufe der Generationen diese Porträts zu richtig großen Konvoluten heran. Es werden ja immer mehr. Und diese Porträts, die zeigen dann eben das Selbstverständnis der städtischen Elite. Denn wer nicht zum Kreise dieser wenigen alten Familien in Frankfurt gehörte, der konnte in dieser Stadt auch keine wichtigen Ämter besetzen.

Gibt es denn eine Familie, die in dieser Ausstellung besonders heraussticht?

Natürlich, und nicht nur in der Ausstellung. Die Familie von Holzhausen war eine der ältesten Familien der Stadt, und sie verfügte naturgemäß über eine der reichsten Sammlungen überhaupt. Und allein anhand ihrer Familienporträts, die in der Ausstellung sichtbar sind, kann man schon die Entwicklung der Porträtmalerei seit der Renaissance beobachten.

Das Museum Giersch der Universität Frankfurt präsentiert ja in seinen Ausstellungen regelmäßig Forschungsergebnisse. Sind denn diese Dinge, die Sie hier beschreiben, auch für die Forschung neues Material?

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Stefanie Blumenbecker über die Ausstellung im Museum Giersch

Johann Georg Ziesenis: Bildnis der Marie Sophie Friedericke von Holzhausen, 1758, Städel-Museum, Frankfurt.
Ende des Audiobeitrags

Das ist tatsächlich zum großen Teil so. Der Auftakt für das Projekt war die Digitalisierung des Bestandes der Frankfurter Universitätsbibliothek. Und da zog man mal alte Schubladen auf, die sonst verschlossen sind, und entdeckte tatsächlich große Konvolute alter Kupferstiche. Die waren ursprünglich in Sammelbänden zusammengefasst. Deswegen kamen sie auch in die Bibliothek – Bücher gehören die Bibliothek – und man konnte das, was man da gesehen hat, zunächst einfach gar nicht zuordnen und hat dann Jochen Sander angesprochen.

Der hat die Städel-Kooperationsprofessur für Kunstgeschichte an der Goethe-Universität. Jochen Sander hat dann mit einer Gruppe Studierender dieses ganze Material durchgesehen und ausgewertet. Die Ausstellung im Museum Giersch stellt diese Ergebnisse vor, und da finden sich einige ganz wunderliche Absonderheiten auch darunter.

Was ist Ihnen denn besonders im Gedächtnis geblieben?

Johann Benjamin Ehrenreich: Senckenbergs Kater, 1751, Dr. Senckenbergische Stiftung.

Eine Sache ganz besonders. Das ist jetzt auch ein Porträt, aber ein lustiges, nämlich das Porträt des Katers von Johann Christian Senckenberg. Dieser wohlhabende, bekannte und populäre Arzt hat seinen Kater offensichtlich derart ins Herz geschlossen, dass er ihn in Öl malen ließ. Und als ich das gesehen habe, musste ich wirklich laut lachen. Denn dieses Tier war so fett, das sieht eher aus wie ein Karpfen als wie eine Katze; der hat überhaupt keine Körperform mehr. Und das war Senckenberg wohl auch bewusst – er war ja Arzt. Er ließ sogar eine Krankenakte für seinen Kater anlegen im 18. Jahrhundert, wohlgemerkt.

Weitere Informationen

"Die Welt im Bildnis"

Museum Giersch
Schaumainkai 83 (Museumsufer)
Frankfurt

www.museum-giersch.de

Ende der weiteren Informationen

Insgesamt muss man allerdings sagen: "Die Welt im Bildnis" ist eine Ausstellung für Freunde Frankfurter Stadtgeschichte, für Liebhaber von Porträts und für Menschen, die ein bisschen kriminalistisch veranlagt sind und Freude daran haben, historische Details sich zu erschließen und ganz tief in kleine Geschichten einzutauchen.

Sendung: hr2-kultur, "Kulturfrühstück", 22.07.2020, 07:30 Uhr.

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