Jürgen Boos

Großveranstaltungen sind abgesagt. Auch das Oktoberfest in München soll nicht stattfinden. Einzig die Buchmesse hält, dem berühmten gallischen Dorf nicht unähnlich, dagegen.

Als Großveranstaltungen wie das Oktoberfest abgesagt wurden, dachten Sie da, dass die Messe gefährdet ist oder dachten Sie, wenn wir Glück haben, geht es schnell vorbei?

Jürgen Boos: Nein, ich habe uns jetzt nicht in einer Liga mit dem Oktoberfest gesehen. Insofern hat mir das erst mal nicht so viel zu denken gegeben. Aber natürlich kamen in der Vergangenheit mehrere Hunderttausend Menschen in diesen fünf Tagen in Frankfurt zusammen. In den ersten Wochen haben wir natürlich heftig diskutiert und da wir auch sehr international vernetzt sind, haben wir natürlich mit vielen Kollegen überall auf der Welt gesprochen.

Die Zeichen waren dort wesentlich schlimmer, als wir das hier in Deutschland erfahren haben. Insofern haben wir die Messe schon über viele Wochen, fast Monate in Frage gestellt. Bis wir dann gemeinsam hier mit Gesundheitsämtern, Sozialamt, mit der Regierung hier in Hessen und mit dem Stadtparlament ein Konzept entwickelt haben, von dem wir ausgehen können, dass es alle gesundheitlichen Aspekte berücksichtigt und die Frankfurter Buchmesse, die ja in erster Linie auch eine Fachmesse ist, tatsächlich in diesem Rahmen stattfinden kann.

Nun gibt es auf der einen Seite den Veranstalter Frankfurter Buchmesse. Auf der anderen Seite gibt es die Gäste, zum Beispiel das Gastland Kanada. Was haben Sie für Reaktionen bekommen? Wollen die Verlage kommen? Wollen die Autoren kommen? Geht das nicht auch virtuell?

Jürgen Boos: Nein, es geht nicht virtuell. So eine Buchmesse, die lebt sehr viel von Zufall, von der Begegnung von Menschen, die sich austauschen. Die Buchmesse macht das mit einer Tradition von mehreren hundert Jahren. Und die gibt es ja nicht von ungefähr. Das kriegt man nicht ins Digitale.

Aber von unserem Konzept, da denke ich, wir haben einerseits das Virtuelle, dass das Physische ergänzen wird. Aber ja, es gibt natürlich viele Menschen, die sagen, ich kann nicht reisen, oder ich will nicht reisen. Ich will mich dem nicht aussetzen. Ich kann meine Geschäfte auch anders machen. Es wird sicher eine viel kleinere Messe dieses Jahr sein. Es wird eine sehr europäische Messe sein, obwohl interessanterweise Länder wie Brasilien angemeldet sind. Ich sehe nicht, dass die kommen.

Wie steht es um ein Hygienekonzept? Wie sieht das aus bei der Buchmesse, wenn so viele Menschen auf so engem Raum zusammentreffen?

Jürgen Boos: Tatsächlich ist es so, dass es nicht so viele Menschen sein werden. Wir haben die große Chance natürlich, dass wir hier ein Messegelände haben, das quasi atmet. Das heißt, wir werden die Fläche, die wir in Anspruch nehmen, deutlich vergrößern können. Wir haben noch viel Unterstützung von der Messe Frankfurt, auch von der Stadt und dem Land, sodass wir alle Stände verdoppeln werden.

Statt vier Quadratmetern werden wir den Ausstellern acht Quadratmeter zur Verfügung stellen. Die Gänge sind mehr als doppelt so breit, wenn Kommunikationszonen aufgebaut werden. Tatsächlich müssen wir auch schauen, wie viele Menschen an welchem Ort auf einem Haufen stehen. Da ist ziemlich viel Arbeit in dieses Konzept geflossen und es wird auch sicher sehr aufwendig sein.

Also Sie erwarten nicht mehr 300.000 Besucher und Besucherinnen, sondern nur noch ein Zehntel.

Jürgen Boos: Das hängt natürlich auch von den gesundheitlichen Bestimmungen zu dem Zeitpunkt ab. Und das wird davon abhängen, wie groß das öffentliche Interesse ist. Es wird auch eine große virtuelle Präsenz geben – was die Geschäftsmesse, aber was auch die Publikumsmesse betrifft.

Das heißt, es gibt auch neue Möglichkeiten und neue Chancen, das Medium Buch in einer ganz anderen Formen näher zubringen. Wenn man mal von den Geschäften, die auf der Messe stattfinden, absieht. Also die vielen Menschen werden wir dieses Jahr nicht auf der Messe haben. Aber wir werden die interessierten Menschen auf der Messe haben und die verantwortungsvollen Menschen.

Es gibt Gerüchte, die Buchmesse solle in Zukunft, mit der Musikmesse fusionieren. Was ist da dran?

Jürgen Boos: Das ist ziemlicher Unfug. Die Buchmesse bleibt die Buchmesse.

Die Frankfurter Buchmesse ist dann auch so ein bisschen was wie ein Leuchtturm und ein Hoffnungsschimmer für eine Kulturbranche, die doch ziemlich am Boden liegt, durch Lockdowns, durch Pleitewellen, durch Absagen.

Jürgen Boos: Ja, deswegen war es uns auch wichtig, dass wir versuchen, das stattfinden zu lassen. Theater sind zu, Kinos machen langsam wieder auf. Aber Frankfurt ist noch mal eine ganz andere Dimensionen. Wir müssen zeigen, dass Kultur wichtig ist.

Und ich denke, wir werden dieses Jahr auch eine große gesellschaftliche Diskussion auf der Messe haben, auf der physischen Messehalle, was das mit uns macht. Was hat es mit der Gesellschaft gemacht? Was bedeutet es für uns? Und in den nächsten Jahren werden wir das in den Büchern lesen.

Aber jetzt ist es tatsächlich auch ein großes Thema für uns. Die Buchmesse hat immer diesen Charakter von Kulturbetrieb, aber sie ist auch politische Bühne und natürlich auch über die vielen Autoren ein Medienereignis. Die Buchmesse muss vieles. Aber ich denke, in erster Linie sollte sie ein Zeichen der Hoffnung setzen.

Die Fragen stellte Daniella Baumeister.

Sendung: hr2-kultur, Kulturcafé, 28.7.20, 17:10

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