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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Anwältin Christina Clemm über Gewalt gegen Frauen

Christna Clemm

Christina Clemm setzt sich vor allem für Frauen ein, die körperliche oder sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren. In ihrem aktuellen Buch gibt sie überraschende und erschreckende Einsichten in die Arbeit von Justiz und Polizei.

Jede dritte Frau in Deutschland ist von physischer oder psychischer Gewalt betroffen. Sie sind seit 25 Jahren in diesem Bereich tätig. Hat sich nach all den Jahren immer noch nichts geändert?

Christina Clemm: Ja, das macht mich manchmal wütend, denn ich denke, das Ausmaß und die Gefährlichkeit der Gewalt gegen Frauen und auch des Frauenhasses, das wird immer noch nicht erkannt. Und wenn man über eine gleichberechtigte Gesellschaft nachdenkt, dann muss man auch genau dafür kämpfen, dass es endlich weniger Gewalt gibt.

Es sind sehr unterschiedliche Geschichten. Man muss sagen, dass Gewalt gegen Frauen in allen Lebensbereichen stattfindet. Es gibt natürlich besonders viel Gewalt im sozialen Nahraum, das heißt eben durch Partner oder Ex-Partner. Es gibt sie aber auch im öffentlichen Raum durch sexualisierte Übergriffe.

Es gibt sie in politischen Auseinandersetzungen, wenn man zum Beispiel über rechtsextreme Angriffe nachdenkt. Es gibt auch sehr häufig eine misogyne Variante davon. Bei den großen Terroranschlägen der letzten Jahre ging es immer wieder auch um Frauenhass.

Und es betrifft auch Frauen aus allen Herkünften. Man kann nicht sagen, dass es nur eine bestimmte Schicht betrifft, sondern es kann eben in allen Bereichen sein. Wobei man sagen muss es gibt Frauen, die dann häufig auch noch mehrfach betroffen sind, die von rassistischer Gewalt betroffen sind oder Transpersonen und Lesben, die eben besonders häufig angegriffen werden.

Sie beschreiben eine Frau, die ihren Mann 17 Mal angezeigt hat, weil sie um ihr Leben fürchtete, ohne Ergebnis. Am Ende ist sie tot. Warum hören Polizisten oder Polizistinnen den Frauen oft nicht zu?

Christina Clemm: Da gibt es verschiedene strukturelle Probleme. Und was man insgesamt noch nicht verstanden hat, ist, wie gefährlich tatsächlich diese Gewalt ist. Wir wissen, dass ungefähr jeden zweieinhalbten Tag in Deutschland eine Frau von ihrem Ex-Partner getötet wird. Wir wissen, dass es viel mehr Tötungsversuche gibt. Nahezu jeden Tag versucht ein Partner, seine Frau umzubringen. Diese Dimension – das ist keine Lappalie, sondern es ist eine ernstzunehmende Gefahr – die wird immer noch nicht erkannt.

Gibt es auch in der Justiz viel zu viele blinde Augen?

Christina Clemm: Zum einen gibt es nicht genügend Kapazitäten, um das wirklich rasch und gut zu verfolgen. Es geht mir dabei gar nicht darum, dass möglichst hohe Strafen herauskommen, sondern es geht mir darum, schnell zu sagen: Das geht nicht, das dulden wir nicht als Gesellschaft, hier muss es Konsequenzen geben. Das zieht sich zum einen im Strafrecht durch, zum anderen aber auch im Familienrecht. Auch da wird die Gewalt viel zu wenig anerkannt.

Christna Clemm

Im Familienrecht wird zum Beispiel von Auswahlverschulden gesprochen. Also, die Frauen hätten ja immer auch selber schuld, wenn sie sich mit einem solchen Partner eingelassen haben oder wenn sie sich so exponieren. Und das ist in der Justiz in allen Bereichen immer noch vorhanden. Und es gibt keine Fortbildung dort. Es gibt noch viele Mythen, wie zum Beispiel die ständig lügende Frau, also dass eine Frau ein besonderes Interesse daran hätte, ihren Ex-Partner anzuzeigen. Und eben ganz viele falsche Vorgaben, die dazu führen, dass letztlich die Verfolgung dieser Taten immer noch sehr schlecht ist.

Die Fragen stellte Daniella Baumeister.

Sendung: hr2-kultur, Kulturcafé, 14.7.20, 17:10 Uhr

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