Rijksmuseum Amsterdam Portraitgallerie

Digitale Kultur statt Corona-Koller - Dieser Slogan gilt auch für das Rijksmuseum in Amsterdam – und es läuft zu Hochform auf. Kunstfreunden bietet es "10 Wege das Haus zu besuchen, ohne das Haus zu verlassen".

Stefanie, was erwartet den Kunstfreund im digitalen Rijksmuseum?

Den Besucher erwarten echte Schätze. Zunächst: Das Rijksmuseum hat bereits 2012 seine digitalisierte Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht– man kann auf fast 700.00 hochauflösende Abbildungen von Kunstwerken zugreifen. Auf die berühmten Gemälde von Rembrandt oder Vermeer sowieso, aber auch die grafische Sammlung, die Tapisserien und Textilien und die Sammlungen ostasiatischer Kunst oder historischem Kunsthandwerk, unter dem Stichwort "Rijksstudio" (auf Englisch) findet man eine scheinbare endlose Schatzkammer von Kunstwerken von Weltrang.

Nur ein Beispiel – es finden sich allein 1700 Portraits vom Ende des 14. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Man kann sich nicht nur die Bilder enorm vergrößern, man kann sie auch kostenfrei downloaden und sich zu den bekanntesten einen Ausschnitt aus einem Audioguide anhören. Es ist vermerkt, wo man sie im Museum findet (wenn dieses wieder zugänglich ist) und man kann sie über die sozialen Netzwerke natürlich auch teilen. Und jedes Kunstwerk ist mit anderen über Schlagworte vernetzt, man kann sich also auf einen Rundgang durch die Sammlung begeben und sich dabei treiben lassen – oder natürlich auch gezielt suchen, zum Beispiel für einen Vortrag.

Wer, wie ich Kunstgeschichte in analogen Zeiten studiert hat, kann sich vielleicht noch daran erinnern, wie viele Stunden man in Diasammlungen der Institute zugebracht hat, um die beste unter allen Aufnahmen zu finden, wie mühsam die Suche nach Bildmaterial war und wie schlecht häufig die Qualität. Aber es muss ja noch mehr geben – Sie sprachen von zehn verschiedenen Wegen ins Rijksmuseum?

Ja. Durch Corona ist jetzt noch einiges dazugekommen. Was mir gefallen hat, ist dass sich die Mitarbeiter des Museums von ihrem Homeoffice aus zu Wort melden.

Auf dem Youtube Channel des Museums kann unter dem Stichwort #RijksmuseumFromHome Pieter Roelofs, Leiter der Gemäldesammlung kennenlernen. Er berichtet aus seinem Arbeitszimmer zu Hause und stellt ein Gemälde von Jan Stehen aus dem 17. Jahrhundert vor. Einerseits ist die dort lustig feiernde Gesellschaft amüsant, das Gemälde aber gleichzeitig auch belehrend – "gib kein schlechtes Beispiel für andere", eine Botschaft die der aus dem Home Office arbeitende Kurator auch selbst abgibt.

Außerdem gibt es Einblicke hinter die Kulissen – wie arbeiten Konservatoren oder wie reisen Bilder zu Ausstellungen und kleine Kunstgeschichtseinheiten – zehn Dinge, die man wissen sollte (auf Englisch), zum Beispiel über das Leben von Rembrandt.

Rijksmuseum Amsterdam Wiedereröffnung

Welches war für Sie die bereicherndste Entdeckung?

Was mir besonders gut gefallen hat, ist die Video-Reihe "Jane's Addiction" (auf Englisch). Jane Turner ist die Leiterin der Grafischen Sammlung des Rijksmuseums, und sie stellt in kleinen, sehr liebevoll gemachten Videos die Geschichte und Geschichten hinter einzelnen Blättern vor. In wahrhaft mitreißender Begeisterung spricht sie darüber, warum Kurator der beste Beruf der Welt ist.

Man folgt fasziniert ihrer Argumentation, warum sie glaubt, dass eine eine Radierung aus dem 17. Jahrhundert vermutlich ein Hochzeitsgeschenk für Rembrandt gewesen war. Das ist Kunstgeschichte, wie ich sie liebe. Genaue Beobachtung – kenntnisreiche Vergleiche, herausragende Kunstwerke. Dadurch wird eine vergangene Zeit auf einmal greifbar, die Menschen lebendig. Drei Videos von ihr sind zur Zeit online, vielleicht kommen noch mehr hinzu.

Bekommt das berühmteste Gemälde des Rijksmuseum – die „Nachtwache“ von Rembrandt denn online auch einen besonderen Auftritt – so wie in der Sammlung des Hauses, wo es auf der großen Sichtachse der zentralen Prunkhalle hängt?

Das Bild ist wie die große Diva, die der Star des Abends ist und gefeiert wird. Man kommt durch den virtuellen Rundgang, auf dem man quasi durch die großen Säle läuft, direkt hin.

Ist man dort angekommen, kann man auf einen Button  - "Operation Nachtwache" (auf Englisch) klicken und landet in dem virtuellen Restaurierungsstudio des Museums. Das ist eine eigene Seite, die einen halben Kunstgeschichtskurs ersetzt. In einzelnen Kapiteln kann man sich mit dem Gemälde vertraut machen. Zu seiner Geschichte, den dargestellten Personen, 18 verschiedenen mitsamt bekannter Biografie, den Elementen von Bewegung und den Geheimnissen der Komposition.

Rembrandts "Die Nachtwache" im Rijksmuseum Amsterdam

Das findet mit filmischen Mitteln statt, die Kamera bewegt sich durch das gewaltig große Bild, taucht an einzelnen Stellen ein, vergrößert Details, ein Audioguide macht den Besucher mit spannenden Geschichten vertraut. Lebendig wird das Bild durch das Geräusch von Schritten oder Säbelrasseln.

Unter dem Kapitel Komposition werden immer große Teile des Bildes in Dunkelheit getaucht und nur einzelne hervorgehoben – man erkennt sofort die Sichtachsen, die Wechselwirkung von Licht und Schatten – die so genannte "Operation Nachtwache" ist der mit Abstand beste Online-Zugang zu einem Gemälde, den ich je gesehen habe!

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 7.4.2020, 7:30 Uhr

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