Jan Gerchow

"Kleidung in Bewegung" heißt die aktuelle Ausstellung im Historischen Museum. Es geht um Frauenmode seit 1850. Jetzt soll die Fashion Week nach Frankfurt kommen, aber wie sehr ist die Stadt am Main eine Stadt der Stoffe, der Kleidung und des Designs? Hat Frankfurt das Zeug zur Modestadt?

Jan Gerchow: Historisch gesehen? Auf jeden Fall! Man kann das an drei Epochen der Geschichte ganz gut ablesen: Vor 1933 ist Frankfurt das deutsche Zentrum des Textilhandels und auch der Produktion gewesen - über 60 Prozent der Umsätze im deutschen Textilhandel wurden in Frankfurt gemacht. Und das lag nicht nur an der Messe, die seit 1919 wiederbelebt wurde, auch mit einer Textilmesse übrigens, sondern es lag an den Handelshäusern - überwiegend in jüdischer Hand. Es gab ein "Haus der Mode", eine Mode-Akademie, die Kaiserstraße mit ihren Geschäften seit den 1870er-Jahren.

Und dann kamen die Nazis...

Die haben dann ein "Mode-Amt" hier eingerichtet und sie wollten nicht nur die Stadt des Deutschen Handwerks, sondern auch die deutsche Modestadt werden. Man hat also von Frankfurt aus versucht, das Bild der deutschen Frau vor allen Dingen über Kleidung zu definieren. Und dann gibt es natürlich noch die Nachkriegszeit, das ist die Grundlage für die heutige Rolle Frankfurts: Die Hauptstadt des Wirtschaftswunders, da etablieren sich Frankfurter Modemacherinnen wie Toni Schiesser als Couturière der westdeutschen Wirtschaftselite, es gibt große Modeateliers, Stars wie Caterina Valente ließen sich hier einkleiden. Aber auch die Ehefrau von Franz Josef Strauß trug Toni-Schiesser-Mode!

In Frankfurt gibt es die Modehistorie im Museum, es gibt hier eine Goethestraße, es gibt ein paar teure Läden. Aber ich finde, Schickeria, protzende Promis, das ist hier nicht richtig zu Hause. Oder täuscht der Eindruck?

Ja, vielleicht. Frankfurt hat gegenüber der früheren westdeutschen Modehauptstadt Düsseldorf und gegenüber Berlin eine riesige Spanne zwischen dem vielen Geld und den schrägen und auch armen Leuten. Und ich finde, dass diese Spanne größer ist als in jeder anderen deutschen Stadt. Und das ist für das Thema Mode eigentlich genau richtig, weil dadurch die eigentliche Vielfalt der Stile geprägt wird. Nicht unbedingt durch ein paar Paradiesvögel, die sich gerne zeigen.

Aber ein paar rote Teppiche müssten uns erst noch anschaffen, oder?

Ja, das ist nicht so die Sache der Frankfurter. Das ist richtig, aber die Messe ist da ja immer professionell. Aber in Italien etwa ist es ja auch nicht Rom, es ist Mailand, die Stadt des Geldes und natürlich auch die Stadt des Designs. Frankfurt hat, was das Design angeht, ja durchaus etwas zu bieten. Das kann man wieder historisch aufhängen, die Bauhaus-Geschichte ist ja gerade im letzten Jahr groß hier gewürdigt worden. Dazu gehört auch die Frankfurter Kunstgewerbeschule und die Städelschule. Und da ist eine Modeklasse eingerichtet worden. Das wirkt dann über die vielen Gestaltungshochschulen und Designerateliers, die vor Ort sind. Frankfurt ist nicht so ein bekanntes Zentrum des Designs, aber wirtschaftlich von den Umsätzen her ist Frankfurt absolut in der Spitzengruppe.

Wir müssen also noch ein bisschen Imagepflege machen. Kann die Fashion Week denn zum Beispiel auch die IAA ersetzen, die aus Frankfurt wegzieht und die ja das Image von Frankfurt geprägt hat?

Naja, die IAA war ja eine reine Publikumsmesse. Eine Modemesse muss auch eine Fachmesse sein. Von den Besucherzahlen wird sie es nicht sicherlich nicht mit der IAA aufnehmen können. Aber das ist ja nicht das Wichtigste. Ich denke mal, dass die Stadt gerade für Fachmessen wirklich gut ist und vielleicht auch die einzige Global City. Die Chinesen halten ja eher Frankfurt für die deutsche Hauptstadt als Berlin.

Aber ein bisschen Glamour brauchen wir dann schon?

Aber nicht zuviel! ,-)

Die Fragen stellte Daniella Baumeister

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Sendung: hr2-kultur, 9.6.2020, 16:15 Uhr

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