"Loyalität" klingt gut. Eine Partei, ein Unternehmen, eine Familie - sie alle funktionieren nur, wenn man sich nicht gegenseitig in den Rücken fällt, sondern verlässlich und dem gemeinsamen Ziel treu mitmacht. Und wenn Boris Johnson den Brexit vorantreibt oder Angela Merkel das Volk vor dem Coronavirus schützt, dann können sie wohl auch Loyalität von ihren Mitarbeitern und Ministerpräsidenten erwarten, oder?

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Die Antwort fällt unterschiedlich aus, je nachdem, wie man zu den genannten Personen und ihren Zielen steht. Wenn Autokraten Loyalität fordern, erinnert man sich daran, dass das Wort mal so etwas wie "Gefolgstreue" bedeutete. Das klingt dann plötzlich nach Unterwürfigkeit und blindem Gehorsam. Und wer ist immer, in allen seinen Äußerungen, unter allen Umständen loyal zur Chefin, zum Parteiprogramm, zur Firma? Genau, die Streber, die Opportunisten, die Heuchler.

Loyalität hat in Organisationen oft etwas mit Abhängigkeit zu tun, sie reagiert auf einen ausdrücklichen oder impliziten Druck, sich konform zu verhalten. Gruppen, in denen Loyalität das oberste Gesetz des Denkens und Handelns ist, grenzen sich meist klar oder sogar feindlich gegen andere ab: Loyalität ist auch Stammesdenken. Aber trotzdem wollen wir uns doch aufeinander verlassen können, in der Politik, im Job, in der Partnerschaft - und hoffen, dass die anderen das genau so sehen. Und sich ohne Zwang, ohne Hintergedanken, selbstbestimmt und vernünftig im Sinne des gemeinsamen Ziels verhalten: loyal eben.

Sendung: hr2-kultur, Der Tag, 29.06.2020, 18:05 - 19:00 Uhr.

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