Pollatscheks Kanon - Dostojewski - Brüder Karamasow

Es gibt Bücher, die liest man an einem einzigen Nachmittag. Für andere nimmt man sich ein paar Tage, manchmal sogar ein paar Wochen. Und dann gibt es Bücher, die brauchen ... länger.

An Dostojewskis "Die Brüder Karamasow" habe ich fast 16 Jahre gelesen. Würde ich morgen sterben, dann hätte ich mehr als die Hälfte meines Lebens an diesem Buch laboriert. Warum ich so lange für "Die Brüder Karamasow" gebraucht habe? Weil es eines der schlechtesten Bücher ist, die ich je gelesen habe. Warum ich trotzdem weiter gelesen habe? Weil es gleichzeitig eines der besten ist.

Was "Die Brüder Karamasow" so schlecht macht

Das lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Frauen. Dostojewski schreibt die schlechtesten Frauenfiguren der westlichen Literaturgeschichte. Wer sich mit westlicher Literatur auskennt, der weiß, dass dieser Titel heiß umkämpft ist. Aber Dostojewski holt ihn locker. Die weiblichen Nebenfiguren sind ausnahmslos dämlich, oberflächlich, manipulativ und hysterisch. Die beiden Haupt-Frauen sind nicht besser: eine Heilige, die sich als Hure herausstellt, und eine Hure, die zur Heiligen wird. "Die Brüder Karamasow" ist Disneyland für Frauenhasser. Es ist vielleicht das einzige Buch, das weniger sexistisch werden würde, wenn man alle Frauen daraus entfernt.

Kaum auszuhalten

Normalerweise bin ich literarischem Sexismus gegenüber tolerant. Das Problem bei Dostojewski ist aber, dass diese schrecklichen Frauenfiguren die Handlung motivieren. Und dass auch alle Männer unerträglich werden, sobald sie mit den Frauen in Kontakt treten oder auch nur an sie denken. Der Sexismus ist bei Dostojewski also kein ideologisches Problem, sondern ein künstlerisches.

Denn wenn Fjodor Karamasow und sein ältester Sohn Dmitri um die gleiche Frau kämpfen, dann scheitert meine Anteilnahme schon daran, dass diese Frau unerträglich ist. Und wenn die beiden älteren Karamasow-Brüder wiederum die gleiche Frau – also eine andere als die mit dem Vater, aber mindestens genauso schlimm – dann, ach ... es hat ja keinen Sinn.

Und dann: Momente erhabener Schönheit

Und dabei hätte alles so gut sein können! Denn es gibt Momente von solch erhabener Schönheit in diesem Buch, dass man sich fragt, warum man jemals etwas anderes liest. Wenn sich der tief-religiöse jüngste Karamasow mit seinem atheistischen Bruder über Gott unterhält, bricht mein agnostisches Herz. Und wenig ist ergreifender, als der kleine, im sterben liegende Junge, der ein gerade neu bekommenes Lieblingsspielzeug seiner geistig behinderten Mutter geben muss, damit die sich wieder beruhigt.

Im Prinzip kann Dostojewski alles schreiben

Genial ist Dostojewski, wenn er den mittleren Karamasow Bruder sich mit dem Teufel unterhalten lässt. Oder wenn er sich vorstellt, wie Jesus zur Zeit der Inquisition wieder auf die Erde kommt und von einem Inquisitor verbannt wird, weil die Kirche Jesus nun wirklich nicht mehr gebrauchen kann. Im Prinzip kann Dostojewski wirklich alles schreiben: Mönche, sterbende Kinder, Rechtsanwälte, Inquisitoren, sogar Jesus Christus und den Teufel. Nur Frauen nicht - das sind aber auch mysteriöse Wesen.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 28.8.2019, 8:30 Uhr

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