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Galerie Goldstein: Ausstellung "Sonderdinge"

Die Galerie Goldstein in Frankfurt-Sachsenhausen widmet sich aktuell dem Phänomen des Sammelns als künstlerische Praxis. Der Künstler Karsten Bott zeigt unter dem Titel "Sonderdinge" Ausschnitte aus seinem Archiv für Gegenwartsgeschichte.

Karsten Bott hat sie aus seiner großen Sammlung ausgegliedert, weil sie eine besondere Geschichte erzählen oder sie in besonderer Weise verändert wurden. Wir sehen banale Alltagsprodukte, die irgendwann jemand weggeworfen hat: Ein altes Backblech, das zusammengefaltet wurde, oder ein alter Computer-Monitor, den jemand mit einem rosa Dinosaurier-Motiv zugemalt hat - allesamt Fundstücke, die sonderbar sind.

Entspricht das dem Prinzip des Archivs für Gegenwart-Geschichte? Was findet sich denn in der Sammlung?

Galerie Goldstein: Ausstellung "Sonderdinge"

Alles, was es gibt und gegeben hat in Deutschland in den letzten 50 Jahren und was in ein Zimmer passt. Das ist der Anspruch des Künstlers. Er möchte das ganze Leben anhand von Objekten abbilden. Er hat alleine 1.000 Zahnbürsten gesammelt, Geschirr, Zeitschriften, Kinderspielzeug, Elektronik, Möbelstücke, Verpackungen, Büromaterialien, Küchengeräte, Werkzeuge, Gartengeräte. Wieviel Objekte es insgesamt sind, weiß niemand, man schätzt eine halbe Million Dinge.

Werden diese Dinge eingeteilt, gegliedert?

Galerie Goldstein: Ausstellung "Sonderdinge"

Er unterscheidet nicht nach Wertigkeit, es gibt bei ihm keine Hierarchie, alles ist gleichwertig und wichtig. Vieles würden wir gar nicht als bemerkenswert wahrnehmen – die künstlerische Handlung am Anfang ist das Sehen, das Erkennen. Auf einer alten Verpackung einer Joghurtmaschine etwa hat jemand das Wort "Weihnachtsschmuck" geschrieben, sie wurde also umgewidmet, umgenutzt, bevor sie eines Tages ausgegliedert wurde. Der Künstler ordnet sie wieder ein und präsentiert sie in einer Art musealen Kontextes. Streng genommen sind das alles "objects trouvés".

Und welche Geschichten erzählen diese Dinge?

Die Alltäglichkeit der Gegenstände verweist den Betrachter auf das eigene Leben. Wir erkennen uns in ihnen wieder. Es sind Objekte, die Zeitgeschichte dokumentieren, genauso wie individuelle und kollektive Biografien. Schon Andy Warhol hat gesagt: "Schließe die Türen eines Kaufhauses, öffne sie nach hundert Jahren wieder und du hast ein Museum für moderne Kunst". Das ist das eine. Der Wahnsinn unserer Wegwerfgesellschaft ist das andere.

Sammeln als Kirik am Wegwerfen?

Galerie Goldstein: Ausstellung "Sonderdinge"

Karsten Bott hat zwar eine halbe Million Objekte dem Vergessen entrissen, aber das ist ja nur ein winziger Bruchteil all der Dinge, die von uns erzeugt, benutzt und weggeworfen werden. Ich habe mit ihm gesprochen - und er steht vielen der Objekte, die er eingesammelt hat auch sehr kritisch gegenüber. So zeigte er sich abgestoßen von einer Einkaufstasche aus Plastik, die ein furchtbar kitschiges Naturmotiv aufgedruckt hat, dass an Manets "Frühstück im Freien" angelehnt ist - eine absolut künstliche Idee von Natur, die vor allem von unserer Entfremdung zur Natur berichtet.

Es gibt also die Möglichkeit mit Karsten Bott zu sprechen?

Ja und das lohnt sich! Er ist in der Galerie und gibt Auskunft. Viele Geschichten, die die Objekte erzählen, hätte ich ohne das Gespräch mit ihm wohl nicht gesehen. Ich denke an den Sofatisch, auf dem jemand ein Bügeleisen abgestellt hat – man sieht den verschmorten Abdruck in der Ausstellung. Danach wurde er wohl aussortiert. Hat das einen Ehekrach produziert? Sofort laufen im Kopf Filme ab. Das ist ein interessantes Phänomen – Bott hat an der Städelschule unter anderem experimentellen Film studiert und benennt dieses "Kopfkino" ebenfalls als Film. Es ist eine Ausstellung, die unmittelbar an unser eigenes Leben angelehnt ist und gewisser Weise auch eine Zeitreise.

Galerie Goldstein
Schweizer Straße 84, Frankfurt
Öffnungszeiten während der Ausstellungen
Mi-Sa 12 - 18 Uhr

Sendung: h2-kultur, 25.8.2020, 7:30 Uhr

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