Margrit Frölich arbeitet für die Evangelische Akademie in Frankfurt. Sie hat lange Jahre in Amerika gelebt und jetzt ein erstaunliches Buch übersetzt. "Spurensuche" heißt es, und darin befragt der jüdische Emigrant Walter Jessel unmittelbar nach Kriegsende seine Frankfurter Abiturklasse von 1931. Jessels 1946 abgeschlossener Bericht interessierte sechzig Jahre lang in den USA niemanden; per Zufall kam er ans Tageslicht.

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Wer in Frankfurt von Anbeginn an, das heißt: seit 1924 Radio hörte, hatte sein Gerät vermutlich bei Julius Jessel in der Weißfrauenstraße gekauft. Der gebürtige Weilburger betrieb hier den modernsten, führenden Elektrogeräte-Fachhandel der Stadt. 1913 bekamen der jüdische Kaufmann und seine Frau, eine gebürtige Hünfelderin, einen Sohn. Walter Jessel legte 1931 auf der Musterschule das Abitur ab. Statt das Geschäft zu übernehmen, emigrierte der junge Mann, erst nach Palästina, dann in die USA.

Margrit Frölich

In amerikanischer Uniform kehrte er 1945 zurück in seine Heimatstadt. Sein Auftrag: die internierten Raketentechniker und Ingenieure rund um Wernher von Braun, die in Nazi-Deutschland an der "Vergeltungswaffe" gearbeitet hatten, zu interviewen und nach Amerika zu holen.

Jessel fand aber noch Zeit, sich in Frankfurt auf private Spurensuche zu begeben. Was hatten wohl seine Mitschüler während der Nazizeit gemacht? Wie hatten sie sich zum Regime verhalten, zu den Verfolgungen, zum Krieg? Mit Hilfe ehemaliger Lehrer machte er elf von ihnen ausfindig und kam mit ihnen und ihren Familien ins Gespräch. Vielen stand im Herbst 1945 das gerade Erlebte noch unmittelbar vor Augen, der Hunger, die Zerstörungen. Die von vielen später verfolgte Strategie, von der Täter- in eine Opferrolle zu schlüpfen und unbequemen Fragen auszuweichen, hatte sich selbst bei Parteimitgliedern noch nicht verfestigt.

Jessels 1946 abgeschlossener Bericht interessierte sechzig Jahre lang in den USA niemanden; erst dann kam er zufällig ans Tageslicht. Margrit Frölich, die lange Jahre in Amerika lebte und nun für die Evangelische Akademie in Frankfurt arbeitet, hat das erstaunliche Buch, in dem der jüdische Emigrant Walter Jessel seine Abiturklasse von 1931 befragt, übersetzt.

Gastgeber: Andreas Bomba

Musiktitel dieser Sendung:
- Friedrich Hollaender: Illusions / Marlene Dietrich
- Ludwig van Beethoven: In des Lebens Frühlingstagen" aus "Fidelio" / Jan Peerce, Bayerisches Staatsorchester; Hans Knappertsbusch
- Glenn Miller: Moonlight Serenade / Glenn Miller Orchestra
- Kurt Weill: Mack the Knife / Lotte Leny, Louis Armstrong & his All Stars

Weitere Informationen

Buchhinweis:

Walter Jessel: "Spurensuche 1945. Ein jüdischer Emigrant befragt seine Abiturklasse", Fachhochschulverlag 2021, Preis: 20,- Euro

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Sendung: hr2-kultur, "Doppelkopf", 22.04.2021, 12:05 Uhr.

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