Ein Leben wie alle anderen wollte Minka Pradelski führen. Nach der Begegnung mit dem Psychoanalytiker Hillel Klein verstand sie: als Tochter Überlebender der Shoah ist man nicht "wie alle anderen". Minka Pradelski beschritt von da an einen neuen Lebensweg, wurde Vermittlerin, Aufklärerin, Erinnerungsarbeiterin und Erzählerin.

Dass die Vergangenheit nicht vergessen wird, daran arbeitet sie als Soziologin, als Autorin von Romanen, als Filmemacherin und als engagierte Frankfurter Bürgerin. 58 Jahre alt war Minka Pradelski, als sie 2005 ihren ersten Roman veröffentlichte. "Und da kam Frau Kugelmann" wurde ein großer Erfolg. Erst 15 Jahre später folgte ein zweites Buch, "Es wird wieder Tag". Thema beider Romane sind die Traumatisierungen der Überlebenden des Holocaust und das Darüber-Sprechen oder vielmehr Nicht-Darüber-Sprechen-Können, selbst mit den eigenen Kindern.

Trotz ihres Erfolgs als Autorin sieht sich Minka Pradelski bis heute als Außenseiterin im Literaturbetrieb. Mehr zufällig wurde sie Schriftstellerin. Den Anstoß gab ein Gespräch, dass sie während ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit für die USC Shoah Foundation von Steven Spielberg führte. Ihre literarische Arbeit steht bis heute gleichberechtigt neben den vielen anderen Tätigkeiten im Leben von Minka Pradelski: Sie war wissenschaftliche Mitarbeiterin am Sigmund-Freud-Institut im Projekt "Nachwirkungen massiver Traumatisierungen bei jüdischen Überlebenden der NS-Zeit". Als Filmemacherin berichtete sie von den "jüdischen Genossen" in der jungen DDR oder von der Integrationsarbeit, die die jüdischen Gemeinden in Deutschland leisteten, als nach 1991 mehr als 200.000 so genannte jüdische "Kontingentflüchtlinge" aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland einwanderten. Mehrere Jahre lang machte sie Öffentlichkeitsarbeit für die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Bis heute ist sie in der Frankfurter jüdischen Gemeinde ehrenamtlich tätig. 2021 erhielt sie für ihr vielfältiges Engagement die Wilhelm-Leuschner-Medaille, die höchste Auszeichnung des Landes Hessen.

Im "hr2-Doppelkopf" erzählt Minka Pradelski, wie es kam, dass sie ihre Identität als Tochter von Holocaust-Überlebenden annehmen konnte – und wie das ihr Leben veränderte. Sie erzählt von ihrer Geburt 1947 im DP-Lager Frankfurt-Zeilsheim, von ihrem Aufwachsen im Transit, einer Jugend zwischen Frankfurt, New York und Montreal. Sie berichtet von der inneren Zerrissenheit ihrer Eltern, die sich schließlich doch in Frankfurt niederließen und im Land der Täter ein Zuhause fanden, von ihrer Zeit als Studentin der Soziologie im bewegten Frankfurt der 68er-Jahre und von ihrem festen Glauben an eine neue Gesellschaft. Und sie spricht darüber, wie der Antisemitismus ihr Leben als Jüdin in Deutschland bestimmt.

Gastgeberin: Karoline Sinur

Weitere Informationen

Buchhinweise:

Minka Pradelski: "Und da kam Frau Kugelmann", Frankfurter Verlagsanstalt 2005, Preis: 19,90 Euro
Minka Pradelski: "Es wird wieder Tag", Frankfurter Verlagsanstalt 2020, Preis: 24,- Euro

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Hier finden Sie den "Doppelkopf" als Podcast.

Sendung: hr2-kultur, "Doppelkopf", 15.12.2021, 12:05 Uhr.