Der Philosoph Gernot Böhme wurde gerne als ein 'Denker des Leibes und des Leides' bezeichnet. Der streitbare und politisch denkende Wissenschaftler, der von 1977 bis 2001 an der TU Darmstadt Philosophie lehrte, starb am 20. Januar im Alter von 85 Jahren. Wir erinnern an den "Seismographen des Zeitgeistes" mit der Wiederholung eines hr2-Doppelkopfes aus dem Jahr 2004.

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"Es geht mir mehr um das Praktisch werden der Philosophie" | Gernot Böhme im Gespräch

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Kaum ein deutscher Philosoph hat sein geradezu seismographisches Gespür für die Vibrationen des Zeitgeists so kultiviert wie Gernot Böhme. Der gelernte Physiker war ein Philosoph, der der Übertechnisierung der Welt skeptisch gegenüberstand und für eine Selbsterfahrung der "Leiblichkeit" plädierte. Schon in den 1970er Jahren setzte er sich für eine "soziale Naturwissenschaft" ein, die sich als Erweiterung der Ökologie verstand, forderte Alternativen zur rein wissenschaftlich-technischen Betrachtungsweise der Natur, setzte sich früh für die Wiederentdeckung des menschlichen Leibes in der technischen Zivilisation ein, entwickelte eine "Ästhetik der Atmosphären" und wandte sich zuletzt einer Neufassung der Ethik unter besonderer Berücksichtigung der moralischen Katastrophen im 20. Jahrhundert zu. An der Uni Darmstadt gründete Gernot Böhme ein Institut für praktische Philosophie, das den Einklang von Sinnlichkeit und Verstand erst wieder lehren sollte.

Daneben engagierte sich Gernot Böhme in der Friedensbewegung, gegen Berufsverbote, unterstützte den regionalen Widerstand gegen die Startbahn West des Frankfurter Flughafens und schrieb wiederholt gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus an. Im "hr2-Doppelkopf"-Gespräch aus dem Jahr 2004 stellt er sich den Fragen von Peter Kemper.

Gastgeber: Peter Kemper

Musiktitel dieser Sendung:
Madredeus : Cuidado
Scott Joplin: Maple Leaf Rag
Move D: Sandman

Wiederholung eines Gesprächs von 2004.

Sendung: hr2-kultur, "Doppelkopf", 09.02.2022, 12:05 Uhr.