Er hat fast sein ganzes Leben im Theater verbracht, als Kritiker, aber auch kurzzeitig als Intendant der Frankfurter Schauspiels. Im vergangenen Dezember ist Günther Rühle im Alter von 97 Jahren gestorben. Mit seinen Kritiken und zahlreichen Publikationen prägte und begleitete der Theaterenthusiast bis ins hohe Alter das Bühnengeschehen der Republik. Als Intendant in Frankfurt und Gründer der "Woche des Jungen Schauspiels" in Bensheim stritt Günther Rühle leidenschaftlich für das Gegenwart und Zukunft des Theaters.

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"Es hat immer wieder Stücke gegeben, die Fragen gestellt haben" | Günther Rühle sprach u.a. über Theaterkritik

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Günther Rühle wurde 1924 in Gießen geboren, wächst in Weilburg an der Lahn und später Bremen auf. Dem Krieg entkommt er nicht, wird mit 18 zur Luftwaffe eingezogen und kann erst nach Ende des Krieges das Abitur nachmachen. Zum Studium zieht es ihn nach Hessen zurück. An der Frankfurter Universität erhält er die akademischen Weihen. Gleich nach dem Studium arbeitet Günther Rühle als Journalist, zunächst als Lokalreporter bei der Frankfurter Rundschau, dann im Feuilleton der Frankfurter Neuen Presse und schließlich ab 1960 bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dort erwirbt er sich rasch in der ganzen Republik Ansehen und Achtung als Theaterkritiker. Die Intendanz am Frankfurter Schauspiel von 1985 – 1990 war für den im Theatermanagement unerfahrenen Günther Rühle auch eine inhaltliche Herausforderung. Der Konflikt um den antisemitischen Tenor von Fassbinders Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod" schrieb Theatergeschichte. Nach fünf Jahren verzichtete Günther Rühle auf die Verlängerung seiner Intendanz in Frankfurt. Er kehrte zum Beruf des Journalisten zurück und schrieb Bücher über die Geschichte des Theaters in Deutschland. Aus dem Theaterdenker wurde ein Theaterhistoriker– allerdings mit Blick auf die Zukunft: im hessischen Bensheim rief Rühle das Festival "Die Woche junger Schauspieler" ins Leben. Den geplanten dritten Band seiner Theatergeschichte konnte Günther Rühle nicht mehr abschließen. Aber er schrieb ein "merkwürdiges Tagebuch", das er unter dem "Ein alter Mann wird älter" wenige Wochen vor seinem Tod am 10. Dezember 2021 veröffentlichte.

Wir erinnern an den Theatermann Günther Rühle mit einem Gespräch aus dem Jahr 2004. In der Sendung hr2-Doppelkopf sprach Ruth Fühner mit Günther Rühle über 50 Jahre Theaterkritik, die schwierige Zeit als Intendant am Schauspiel Frankfurt und die politische Rolle des Theaters in der Gesellschaft.

Gastgeberin: Ruth Fühner

Musiktitel dieser Sendung:
- W. A. Mozart: Menuetto allegro / Dissonanzenquartett
- Kurt Weill: Erstes Dreigroschenfinale / Lotte Lenya & Marlene Dietrich
- W. A. Mozart: Presto aus Violinkonzert Nr. 1 / Anne-Sophie Mutter

Wiederholung eines Gesprächs von 2004.

Sendung: hr2-kultur, "Doppelkopf", 12.01.2022, 12:05 Uhr.