Das Werk von Thomas Bayrle gehört zu den wichtigsten Positionen deutscher Kunst nach dem 2. Weltkrieg. Drei Mal nahm er an der "documenta" teil. Seit 2013 erlebt Bayrle eine späte Welt-Karriere und zeigte Ausstellungen in einer Reihe der wichtigsten internationalen Museen. Im Kloster Eberbach im Rheingau hat er aktuell ein Fenster im Kreuzgang neugestaltet.

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Statt sich für eine Kunsthochschule zu bewerben, begann Thomas Bayrle als junger Mann eine Ausbildung in einer süddeutschen Weberei. Der mechanische Rhythmus der automatischen Webstühle, die Strukturen der Akkordarbeit und auch die Produktion von unendlichen Stoffbahnen prägten sein Werk zutiefst. Sein Leben lang verfolgt er Formen und Ästhetik von Massenkonsum, Massenveranstaltungen und Massenproduktion.

Früheste Aquarelle und Zeichnungen zeigen Bildeindrücke wie den Papstbesuch in New York, Autorennen oder Propagandablätter der Kommunistischen Partei in China. In den 1960er-Jahren entstehen motorisierte Bildkästen, die aus sich bewegenden Elementen bestehen. Da beginnen hunderte von kleinen Figuren Leibesübungen zu machen und formen gemeinsam einen großen Mao oder beginnen sich synchron die Zähne zu putzen und frönen dem Kult einer neuen Zahnpasta. Bayrle mixte fröhlich Elemente des Kapitalismus und des Sozialismus, erkannte beide als typische Phänomene des 20. Jahrhunderts.

Der 1937 geborene Thomas Bayrle gilt auch als einer der wichtigsten deutschen Pop Art-Künstler – so tauchen in seinem Werk früh Elemente aus der Werbung sowie aus der Konsumwelt auf. Die moderne Welt des deutschen Wirtschaftswunders findet sich in Form von typischen Marken industriell hergestellter Lebensmittel – so entstanden Türme aus Glückskleekondensmilch oder Maggiflaschen. Ab den 1970er-Jahren entwickelt er im Siebdruck mithilfe eines Strukturrasters eine eigenständige Bildform: Ein Großbild wird aus vielen gleichen Elementen zu einer "Superform" zusammengesetzt. Für viele Jahre werden diese spektakulär neuen Bildformen zu seinem Markenzeichen. Bayrle gilt auch als einer der ersten Künstler Deutschlands, die Arbeiten mit dem Computer erzeugten, in den frühen 1980er Jahren war er an der Entwicklung von Grafikprogrammen beteiligt. 

Thomas Bayrle hat sich bereits Anfang der 1960er Jahre für Frankfurt als Arbeits- und Wohnort entschieden und ist der Stadt ein Leben lang treu geblieben. Dreißig Jahre lang, von 1972 bis 2002 lehrte er an der Städelschule. Mit vielen seiner ehemaligen Schüler und Schülerinnen hält er bis heute engen Kontakt. Drei Mal (1964, 1977 und 2013) nahm er an der "documenta" in Kassel teil. Thomas Bayrle lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

Gastgeberin: Stefanie Blumenbecker

Musiktitel dieser Sendung:
- Thomas Bayrle / Bernhard Schreiner: Rapier (Looming)
- Albert Mangelsdorff: Hut ab! (solo)
- Gesang der Jünglinge im Feuerofen (Karlheinz Stockhausen)
- John Cage: In A Landscape "The Smallest Room" (re-recorded Version) / Ezio Bosso

Wiederholung eines Gesprächs vom April dieses Jahres.

Sendung: hr2-kultur, "Doppelkopf", 22.12.2020, 12:05 Uhr.

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