Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Peale's Mastodon, Mammut americanum

Vor 200 Jahren übergab der damalige hessische Großherzog Ludewig I. seine Kunst- und Naturaliensammlung an die Öffentlichkeit, und das wird nun gefeiert unter anderem mit dem Mammut "American Heiner".

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Ein Mammut bringt die biblische Schöpfungsgeschichte ins Wanken

Dr. Martin Faass, Direktor Hessisches Landesmuseum Darmstadt
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Der Direktor des Landesmuseum Darmstadt Dr. Martin Faass geht dem "Universalen Denken" auf den Grund, mit dem die Museumsbroschüre übertitelt ist und das sich in allen Ausstellungsstücken wiederfindet.

200 Jahre Universales Denken – was heißt das?

Wir feiern das Datum, zu dem die Sammlung in den öffentlichen Besitz übergeben wurde. Es war Großherzog Ludewig I. von Hessen-Darmstadt, der seine fürstliche Sammlung an den Staat und damit an die Öffentlichkeit abgab.

Warum wollte der Fürst, dass die Leute sich mit seiner Sammlung beschäftigen?

Nächtlicher Luisenplatz mit Ludwigsmonument in Darmstadt

Er sagte "zum Nutzen und Belehrung der Bevölkerung". Es war ja eine Sammlung, die seit den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts aufgebaut wurde und die alles umfasste: nicht nur Gemälde und Grafiken, sondern auch technische Apparate, physikalische Instrumente, geologische Fundstücke, ebenso zoologische Präparate. Also wirklich eine umfassende Sammlung mit der der Fürst versuchte, die ganze Welt in einem Museum abbilden zu können.

Man kann sagen, dass der universale Ansatz des Museums heute so aktuell ist wie nie. In den 200 Jahren haben andere Museen sich aufgeteilt in Spezialmuseen. Da gibt es dann das Naturkundemuseum, das Ethnologische Museum, das Museum für Angewandte Kunst, das Museum für zeitgenössische Kunst und so weiter. Und heute sind wir in einer Situation, wo gerade diese Spezialisierung, diese Aufteilung in unterschiedliche Wissensgebiete für uns zum Problem wird, dass wir das Ganze nicht mehr in den Blick bekommen können.

Wie vernetzen Sie zum Beispiel den "American Heiner", also das Mammut-Skelett, mit zum Beispiel Joseph Beuys, der bei Ihnen viele Kunstwerke hat?

Hessisches Landesmuseum Darmstadt, Peale's Mastodon, Mammut americanum

Man kann sicherlich nicht alles mit allem vernetzen, sondern muss ganz gezielt die Schnittstellen aufsuchen. Und wenn Sie unsere Ausstellung "American Heiner" ansprechen, so gelingt uns das in diesem Fall besonders gut dadurch, dass wir eine Ausstellung über ein paläontologisches Fundstück machen aus einer Zeit, in der überhaupt das gesamte Denken sich verwandelte.

Es ist insofern auch eine geistesgeschichtliche Ausstellung, weil die Entdeckung unseres "American Heiner" – also unseres Mastodons – 1801 in den USA in eine Zeit fällt, wo man sich anhand dieses Skelettes zum ersten Mal bewusst wurde, dass es so etwas wie ausgestorbene Tiere geben könnte. Es ist ein Verwandter des  Wollhaarmammuts, das wir hier aus Europa kennen, und eine ganz spezielle amerikanische Variante dieses Tieres.

Sie zeigen dieses Skelett und laden dazu ein, sich Gedanken über die Herkunft zu machen?

Wir laden zum Beispiel dazu ein, sich bewusst zu werden, dass das, was als wissenschaftliche Gewissheit gilt, nicht unbedingt endlos Gültigkeit haben wird. Erkenntnisse sind möglicherweise zeitbedingt und bedürfen auch einer Revision. Vor der Entdeckung dieses Mastodons war man fest davon überzeugt, dass die Welt in sechs Tagen geschaffen war und alle Tiere, die im Rahmen der göttlichen Schöpfung auf die Erde gekommen sind, bis heute leben.

Als man diese Knochen fand – die ersten Knochen dieses ausgestorbenen Elefantentieres – war man eher davon überzeugt, dass es sich hierbei um Knochen eines Riesen handeln würde, als den Gedanken zuzulassen, dass es sich hier um die Knochen eines ausgestorbenen Tieres handeln könnte. Es war also eine komplett andere Wahrnehmung von Wirklichkeit, die damals durch biblische Überlieferung die Menschen und ihr Denken bestimmte. Und das bricht um, das verändert sich knapp 50 Jahre bevor Darwin sein Theorie formuliert hat. Das sind natürlich unglaublich spannende historische Momente.

Bevor "American Heiner" Hauptperson wird in Ihrer Ausstellung wird er Hauptperson im Smithsonian Museum in Washington, denn eigentlich kommt er aus Amerika. Er wird jetzt gerade verschifft und davor wird er hergerichtet. Was machen sie  mit ihm?

Angestellte des Hessischen Landesmuseums bauen das Skelett des Amerikanischen Mastodons für den Transport ins Smithsonian American Art Museum in Washington DC ab.

Die Knochen werden gereinigt, sie werden restauratorisch bearbeitet. Es wird ein neues Stützskelett aus Metall entwickelt, damit er in den USA einfach und zuverlässig aufzubauen ist. Das Stück, so wie es bei uns im Museum steht, steht ja schon tatsächlich seit 1906 an dieser Stelle. Man muss erst mal gucken, wie ist die Montage dieses Stückes und wie kann die Montage dieses Stückes so verbessert werden, dass es auch für eine Ausleihe nützlich ist und dass man es auch in Washington im Rahmen der Ausstellung "Alexander von Humboldt und Amerika" aufstellen kann.

Alexander von Humboldt hat ihn auch besucht?

Alexander von Humboldt in Venezuela, Gemälde von Friedrich Georg Weitsch, 1806

Ja, Alexander von Humboldt hat ihn besucht, denn in der Tat handelt es sich bei unserem Mastodon um eine Sensation der Paläontologie-Geschichte. Es ist das Stück, das 1801 zum ersten Mal in den USA zu sehen war. Ein vollständiges Skelett eines fossilen Tieres hatte man vorher nicht gesehen. Das aufgerichtete Skelett war so sensationell, dass die Menschen Schlangen bildeten, um in Philadelphia ins Privatmuseum des Malers Charles Wilson Peale zu gehen, der das Mastodon ausgrub und in dieser Weise präsentierte.

Da fragt sich natürlich jeder: Wie kommt dann das Stück überhaupt nach Darmstadt?

Charles Wilson Peale: The Artist in his Museum

Das ist tatsächlich ein verschlungener Weg. Es handelte sich damals um ein Privatmuseum, und die Erben einer solchen musealen Sammlung haben manchmal nicht ganz dieselbe Leidenschaft wie der Erblasser.

Die Söhne von Charles Wilson Peale verkauften das Museum und seine Sammlung an den Zirkusunternehmer Barnum. Und dieser verkaufte es weiter. In London fand es der Zoologe des Hessischen Landesmuseums, Johann Jakob Kaup, und kaufte das Stück für die fürstliche Sammlung an. Und seither, seit 1852 befindet es sich in der Sammlung des Hessischen Landesmuseums.

War er teuer?

Da muss ich passen. In London sind die Händler von Barnum es nicht losgeworden, weil das Museum dort gerade ein Mastodon gekauft hatte. Insofern ist der Preis vielleicht etwas günstiger gewesen, weil man es nicht wieder nach Philadelphia bringen wollte.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 1. Januar 2020, 9:10 Uhr

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