Harald Welzer

In seinem vorerst letzten Buch "Alles könnte anders sein" plädierte der Sozialpsychologe Harald Welzer nicht zum ersten Mal im Sinne einer die Menschen und die Umwelt achtenden Nachhaltigkeit: Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen. Harald Welzer ist Mitbegründer und Direktor der Stiftung Futurzwei, die alternative Lebensstile und Wirtschaftsformen aufzeigen will. "Alles könnte anders sein.", das ist keine spektakuläre Forderung, kein Revolutions-Ansatz, nur eine schlichte Aussage.

Alles "könnte" anders sein. Warum haben Sie nicht "Alles müsste anders sein!" getitelt?

Weil ich von diesen moralischen Konjunktiven nicht allzu viel halte, da drehen sich die Leute immer eher gelangweilt ab. Aber wie, in welchem Maße und wie schnell alles anders sein könnte, haben wir ja nun in diesem Frühjahr in aller Deutlichkeit gesehen. Das Buch ist sehr lange vorher entstanden, es kam dabei darauf an zu zeigen, dass es neben der "dominanten Wirklichkeit" auch noch viele andere Möglichkeiten gibt.

Sie wollen uns Lust machen auf die anderen Möglichkeiten. Sie beschreiben, dass Kinder und Jugendliche kaum noch Träume haben für ihre Zukunft. Das ist ja ein bisschen erschreckend. Woran machen Sie das fest?

Naja, das ist sogar noch erschreckender, wenn man selber Teil des Problems ist. Also wenn ich als Teil der Nachhaltigkeit-Szene und gemeinsam mit etwa Scientists for Future mahne, dass unser Jahrhundert ein großes Problem hat, dann nimmt man natürlich auch viel an Hoffnung und vor allen Dingen an Mut zur Gestaltung. Wenn ich also in einer Gesellschaft aufwachse und von Anfang an höre, dass es "Fünf vor Zwölf" ist, dann nimmt mir das natürlich einen positiven Zugang zur Zukunft. Und den braucht man umgekehrt aber, um die Probleme, die es ergibt, bewältigen zu können.

Also "Fünf vor Zwölf"...was ist um 13 Uhr? Was haben Sie für Angebote?

Eine Menge! Wenn man wie wir in einer der reichsten und freiesten Gesellschaften der Welt lebt, können wir uns etwas ausdenken: Wie wollen wir etwa Städte anders gestalten, so dass die Mietpreise niedriger sind, dass der Verkehr angenehmer wird, die Emissionen reduziert werden? Wir können uns über soziale Maßnahmen zur Herstellung von mehr sozialer Gerechtigkeit viele Gedanken machen. Andere Ausrichtung zielen auf das Gemeinwohl. Mir geht es um konkrete Utopien, mit denen man sagen kann: "Damit können wir hier und jetzt anfangen." Und dass wir eben nicht ein "Müsste-Könnte" zum Maßstab des Handelns machen.

Wir haben das ja jetzt quasi ein bisschen trainiert durch Corona. Da haben alle gezeigt, dass sie in der Lage sind, ihr Verhalten doch sehr schnell zu ändern. Wenn es denn eben nicht anders geht und sich vernünftigen Vorgaben anzuschließen, gibt es Hoffnung?

Ja, das gibt insofern Hoffnung, dass wir diese Corona-Zeit als Lerngeschichte betrachten können: Wir haben gelernt, dass selbst wenn der Flugverkehr auf das Niveau von1955 reduziert ist, niemand daran stirbt! Das Leben geht weiter! Wenn es keine Kreuzfahrten mehr gibt, leiden die Menschen nicht existenziell - und so weiter und so weiter. Dann die Zeit: Menschen hatten mehr Zeit und weniger Möglichkeiten. Plötzlich ging man wieder spazieren, was wir in unserem Land ja durften. Das waren also viele Elemente, wo man sagen kann, da ist man sich selber und den anderen anders begegnet. Und das ist ja eine interessante Erfahrung, an die man anknüpfen kann: Wie müssen wir eigentlich Tätigkeiten und Berufe neu bewerten? Haben wir ein Problem mit zu langen Lieferketten, war es vielleicht falsch, alles nach Effizienzkriterien auszurichten? Das kann man alles lernen aus den letzten drei, vier Monaten.

Wir sind ja sehr ausgerichtet auf Konsum, definieren uns auch darüber, was wir alles besitzen, was wir machen können. Herr Welzer, Sie haben da das hübsche Bild im Buch, dass niemand auf seinem Grabstein zum Beispiel lesen möchte, dass er einen tollen Sportwagen gefahren ist und diverse Male im Jahr zum Skifahren, sondern wie er war. Ein guter Mensch also, diese Menschlichkeit, das Miteinander, indem wir Erfüllung finden - das gehört schon früh auf den Lehrplan ihrer Utopie. Wie könnte das aussehen?

Beispiel: Meine Studierenden in Sankt Gallen haben eine Utopie entworfen, die heißt " 80 - 20". Dahinter verbirgt sich die Idee, das man künftig nicht hundert Prozent der verfügbaren Zeit für Ausbildung, berufliche Tätigkeit, Studium und so weiter verwendet, sondern nur noch 80 Prozent - und die verbleibenden 20 Prozent gemeinwohlorientierten Tätigkeiten widmet. Und zwar von Anfang an, vom Kindergartenalter bis zum Rentenalter. Und diese Idee ist deswegen so charmant, weil sie für Demokratien so sinnvoll ist, weil wir ja darunter leiden, dass die gesellschaftlichen Gruppen sehr stark voneinander abgeschottet sind und man eigentlich immer diese Bilder hat: Wer gehört zur Unterschicht, wer zur Oberschicht... Wenn wir sagen: 40 Prozent der Menschen sind sowieso irgendwo ehrenamtlich tätig und wenn ich diese Zahl auf auf 100 Prozent steigere und auf diese Weise ein System schaffe, dass jede und jeder das ganze Leben hindurch in Bereichen tätig ist und jenen hilft, die gar nicht aus seiner eigene Herkunftsgruppe sind - das wäre für Demokratien ganz fantastisch und würde eine ganz andere Form von Zusammenhalt ergeben. Das wäre etwas, das sich umsetzen ließe.

Das ist dann praktisch die Erfüllung eines Bedürfnisses, dass wir alle Menschlichkeit zeigen wollen und brauchen?

Deshalb spreche ich ja auch von "Ressourcen". Diese rund 40 Prozent der Menschen, die engagiert sind, sind ja für Demokratie und eine funktionierende Gesellschaft eine wahnsinnig wichtige Ressource. Eine übrigens, die viel zu wenig gewürdigt wird! Wie übrigens auch in der Corona-Krise viel zu wenig anerkannt wurde, dass 90 Prozent der Bevölkerung sich total super einsichtig und kooperativ verhalten haben! Und dann muss die Politik mal sagen: "Ey, Leute, wir haben hier eine Gesellschaft, in der man sich auf die Menschen verlassen kann!" Es geht um eine Atmosphäre, die motivierend ist, dass die einzelnen sagen: "Ich weiß, zu wem ich gehöre, zu welcher Gesellschaft - und ich möchte auch pro-aktiv etwas dazu beitragen."

Und wie können wir dahin kommen, dass alle Menschen das eben auch aus freien Stücken tun würden, was Sie propagieren?

Es ist eine Kulturfrage. In der Corona-Krise und der Bewältigung ist beispielsweise folgendes wichtig und interessant: Wenn wir nicht unter demokratischen Verhältnissen gelebt hätten, wären die Maßnahmen ganz anders ausgefallen. Wir haben zwar eine Einschränkungen von Grundrechten gehabt, aber begründet! Deshalb sind die Leute ja auch mit gezogen. Und sie sind auch deswegen so mitgezogen, weil sie gewusst haben: In einer Demokratie werden die Grundrechtseinschränkungen so schnell wie möglich wieder aufgehoben. Im übrigen gibt es ja auch Gerichte, die in Einzelfällen darüber befinden. Alles das ist geschehen. Und insofern waren ja die Proteste, die ist es gottseidank nur kurzzeitig gegeben hat, als die Lockerung begann, in vielerlei Hinsicht absurdes Theater. Ja, unsere Demokratie war nicht eine Minute lang gefährdet in den vergangenen Monaten, sondern hat den Nachweis erbracht, wie gut die ganze Sache funktioniert und wie demokratisch die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger tatsächlich orientiert ist.

Die Fragen stellte Doris Renck
Sendung: hr2-kultur Kulturcafé, 6.7.2020, 17:10 Uhr.

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