Schirn Haerizadeh

Die Schirn Kunsthalle in Frankfurt präsentiert eine Ausstellung eines iranischen Künstlerkollektivs mit dem recht langen und etwas kryptischen Titel "Either he’s dead or my watch has stopped. Groucho Marx (while getting the patients pulse)."

Stefanie Blumenbecker, der Titel bezieht sich auf die Marx Brothers, richtig?

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Frühkritik: Ein iranisches Künstlerkollektiv in der Schirn

Schirn Haerizadeh
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Genau und er illustriert ganz schön die Absurdität und den Humor, der in der Ausstellung an vielen Stellen sichtbar wird. Der Arzt hält inne und ist sich nicht sicher, ob die Uhr/ die Zeit angehalten wurde oder sein Patient nicht mehr lebt, da er ja den Puls nicht mehr fühlen kann. In ähnlicher Art und Weise findet sich in der Ausstellung des Künstlertrios Rahmin und Rokni Haerizadeh und Hesam Rahmanian eine große Fülle von Bildzitaten. Sie beziehen sich auf ihre persischen Wurzeln, aber auch auf westliche Popkultur, auf politische Anliegen und aktuelles Zeitgeschehen, auf europäische Kunstgeschichte und auf historische Ereignisse.

Was sieht der Betrachter denn konkret?

Schirn Haerizadeh

Wirklich ein Gesamtkunstwerk. Für die kubische Ausstellungshalle der Schirn wurde ein gewaltiges Bodengemälde geschaffen, dass den Fußboden vollständig bedeckt. Der Betrachter darf/ muss auf dem Gemälde laufen, schaut also von oben auf die Malerei. Man sieht eine Art Landschaft an und im Wasser. Flüsse strömen, Fische sind im Wasser zu erkennen, Referenzen auf das Zweistromland. Aber auch Flüchtlingsboote, Touristen mit Mobiltelefonen, abstrakte Ornamente aus der persischen Malerei, schreiende Eselsköpfe, Strudel, Steine, Wellen, Tierköpfe. Auf der Malerei befinden sich zwei große Stoff-Installationen, die ebenfalls auf die Figur des Esels anspielen, insgesamt fünf Videoinstallationen, ein großes Wandgedicht, ein gewaltiger Vorhang und einzelne Installationen mit Keramiken.

Das hört sich überbordend an. Ist diese Überwältigungsstrategie von den Künstlern beabsichtigt?

Ja. Man kann sich der Wirkung dieses Kunstwerkes nicht entziehen, man wird in gewisser Weise Teil der Arbeit. Die drei Künstler haben ein "work in progress" geschaffen, was bedeutet, dass sie bis zur letzten Minute Teilelemente noch veränderten ergänzten, hinzufügten. Die Ausstellung sollte ja ursprünglich im Mai bereits eröffnen, wurde aufgrund des Lockdowns verschoben und in dieser Zeit weiterentwickelt. So gibt es auch Elemente, die die "Black Lives Matter"-Bewegung ansprechen und den weltweiten Lockdown kommentieren. Neben diesen sehr aktuellen Themen gibt es eindringliche Verweise auf den Iran-Irak-Krieg, den alle drei Künstler in ihrer Kindheit und Jugend erlebten.

Können Sie uns ein Beispiel geben?

Vom Boden bis zur Decke reicht ein Vorhang, der das Foto einer Frau zeigt, die einen Totenkopf in der rechten Hand hält und sich auf den eigenen Kopf setzt. In ihrer linken hält sie einige große menschliche Knochen. Es handelt sich um die sterblichen Überreste ihres Sohnes, der im Krieg gefallen ist und dessen Überreste nach 10 Jahren identifiziert werden konnten. Sie präsentiert diese Relikte aber in einer Art und Weise, die an einen traditionellen Tanz angelehnt ist, fast mit einer Art Augenzwinkern. 

Weitere Informationen

Zur Webseite

Die Ausstellung ist bis zum 13. Dezember zu sehen

www.schirn.de

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Auch an vielen anderen Stellen zeigt sich ein beißender Humor. Die Künstler widmen sich zwar ernsthaften Themen, auch dem Sterben von Flüchtlingen auf dem Mittelmeer etwa, tun dies aber immer wieder mit einem Augenzwinkern und durchsetzen ihre Bilder mit so vielen Zitaten, dass diese mehrdeutig werden.  So sind die Figuren auf dem sinkenden Boot alle mit Tierköpfen wiedergegeben, einige von diesen Gestalten erinnern dann zum Beispiel an die Malerei von Picasso, insgesamt fühlt man sich auch ein wenig an die Arche Noah erinnert.

Können denn die Künstler zur Eröffnung kommen?

Schirn Haerizadeh

Leider nein. Die Eröffnung ist virtuell, die Künstler sind nicht da. Es war auch sehr schwierig, die Ausstellung in dieser Zeit überhaupt aufzubauen. Ich empfinde es aber als ein großes Glück, dass sie jetzt zu sehen ist. Sie gibt Einblicke in eine Kunstszene, die nach wie vor in Mitteleuropa nicht sehr präsent ist. Sie zeigt die Reichhaltigkeit und Vielseitigkeit aktueller persischer Kunst auf. Sie lässt uns teilhaben an Diskursen, die uns verschlossen blieben, sie kann uns sogar zum Lachen bringen. Eine wunderbare Gelegenheit über den eigenen Tellerrand zu schauen.

Die Fragen stellte Martin Maria Schwarz.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 02.09.2020, 07:30 Uhr

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