Bis zum Jahr 2020 sollen in China mehr als 600 Millionen Kameras die Bürger permanent überwachen. Computersysteme, ausgestattet mit künstlicher Intelligenz, werten die Bilder ständig aus, analysieren das Verhalten der Menschen.

Besonders beängstigend: Alle Chinesen sollen sich dem System der „sozialen Vertrauenswürdigkeit“ unterwerfen. Wer sich etwas zu Schulden kommen lässt, wird in öffentlich zugänglichen Datenbanken an den Pranger gestellt. Was klingt wie eine Idee aus George Orwells „1984“, ist in China inzwischen gelebte Realität. Auf drei Kontinenten geht Feature-Autorin Gabriele Knetsch der Frage nach: Wird diese Dystopie der Big-Data-Überwachung auch bei uns bald Realität?

Schauplatz Silicon Valley: Wie viele persönliche Daten Facebook über seine Nutzer sammelt, wissen wir spätestens seit dem Cambridge-Analytica-Skandal. Aber das führt im Silicon Valley nicht zu einem Umdenken – im Gegenteil. Viele Gründer basteln an Big Data Anwendungen, um das nächste Facebook zu werden. Sie entwickeln Sprach-, Gesichtserkennungs- und Übersetzungssoftware – angeblich „im Dienste der Menschheit“, dabei können sie auch als Spionagesoftware für Geheimdienste, als Überwachungssoftware eingesetzt werden.

Auf einer Tafel im chinesischen Rongcheng sind Geldbeträge abgebildet, die Kinder ihren Eltern gegeben haben. Die Unterstützung der Eltern wird im neuen Sozialkredit-System berücksichtigt und mit Punkten belohnt.

Schauplatz China: Neben der permanenten Überwachung baut die chinesische Führung an einem neuen Kontrollsystem der Bürger. Über ein gigantisches Social Credit System sammelt der Staat Daten von Bürgern, NGOs und Firmen. Jeder bekommt ein Punkte-Konto. Alles, was die Menschen im Alltag tun, kann so vom Staat bewertet, belohnt oder bestraft werden. Bis 2020 will China das System flächendeckend einführen, derzeit wird es in über 40 Pilotprojekten getestet. Bereits jetzt gibt es Schwarze Listen: Fast 10 Millionen Chinesen wurden vom Ticketkauf für Schnellzug oder Flugzeug vorübergehend ausgeschlossen.

Schauplatz Deutschland: Europa gilt weltweit als Region mit hohen Sicherheitsstandards. Doch auch deutsche Strafbehörden greifen immer häufiger auch auf digitale Datenquellen zurück. Neue Polizeigesetze sehen erweiterte Zugriffsrechte auf private Informationen vor. Gesichtserkennung soll im öffentlichen Raum Standard werden. All diese Entwicklungen zeigen: Die Big Data Überwachungsmaschinerie beginnt langsam auch bei uns zu arbeiten.

BR/WDR 2019

Sendung: hr2-kultur, Feature, 17.11.2019, 18:04 Uhr

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