Er wolle die Menschen von der Hoffnungslosigkeit über die Verzweiflung in die Trostlosigkeit führen, hat Matthias Beltz einmal formuliert. Er forderte, man solle eine Vorbestraften-Quote für politische Ämter einführen - und kurz vor seinem Tod reimte er: "Gehorsam ist der Christen Wahn, Mut hat nur der Taliban."

Den kalkulierten Tabubruch hat Matthias Beltz nie gescheut. Er galt als einer der bissigsten und scharfzüngigsten Vertreter des deutschen Politkabaretts, als gnadenloser Moralist, als radikaler Querdenker, als unabhängige Instanz im intellektuellen Leben der Bundesrepublik - und als Künstler voller Widersprüche: Beltz wandelte sich vom linken Sponti zum etablierten Satiriker, vom Fließbandarbeiter zum Grimme-Preisträger, vom Juristen mit Staatsexamen zum Varieté-Gründer.

Der "Revolutionäre Kampf" an der Seite von Joschka Fischer prägte sein politisches Weltbild, die Frankfurter Schule lehrte ihn das ständige Hinterfragen und das dialektische Denken, seinen Geist schärfte er an der Kritischen Theorie. Für die erträumte Revolution schuftete er am Fließband bei Opel, bis er feststellte, "dass das Proletariat nicht auf uns wartet, sondern auf den Feierabend und die Rente".

Matthias Beltz wurde Kabarettist, wurde mit dem "Vorläufigen Frankfurter Fronttheater" bundesweit bekannt und entdeckte die linke Alternativszene als Gegenstand der Satire. Rechts und links konnte er mit großer Sprachkunst verwechseln, wenn es darum ging, das "typisch sozialdemokratische" Selbstverständnis des Kabaretts ins Wanken zu bringen. Den Stoff für seine kompromisslosen Gesellschaftsanalysen fand er oft vor seiner Frankfurter Haustür, in der "Stadt der real existierenden Widersprüche". Matthias Beltz rieb sich an seiner hessischen Heimat, schaute ihren Bewohnern aufs Maul und schuf mit viel Lust am Spiel mit der Sprache seine Programme, die er immer wieder auf die Bühne des Frankfurter "Tigerpalasts" brachte, seiner künstlerischen Heimat.

Am 27. März 2002 stand seine Tasche mit Unterlagen für einen Auftritt am Abend fertig gepackt auf dem Tisch, als Matthias Beltz nach einem Herzinfarkt tot in seiner Wohnung gefunden wurde. Er wurde nur 57 Jahre alt. Zuvor hatte er einmal geschrieben: "Wenn ich wüsste, dass es nach dem Tod weitergeht, würde ich gar nicht erst sterben."

BR 2012

Sendung: hr2-kultur, "Feature", 27.02.2022, 18:04 Uhr.