"In der Nacht leuchten die Wörter", lautet der Titel eines Gedichtbandes von Ernesto Cardenal. Voller Geheimnisse ist die Nacht, und schon immer hat sie die Fantasie angeregt. Die Romantiker besangen den Zauber und die Würde der stillen Nacht, verfassten aber auch "Nachtwachen" und "Nachtstücke", beschworen damit schaurige Gestalten herauf, die ihr Unwesen treiben. Vertauschungen und Verwechslungen finden statt, Wahlverwandtschaften entstehen. Klänge und Geräusche werden mal als dämonische Dissonanzen wahrgenommen, mal als betörend harmonische Musik der Himmelssphären, und der Gesang der Nachtigall begleitet die Liebesnacht. Geschichten werden zur Nacht gelesen und vorgelesen.

Die heiligen Nächte der Religionen lassen die Herrlichkeit der Schöpfung erahnen. Durch die Feier herausgehobener Nächte wird der Jahreslauf markiert, von der Weihnacht und der Neujahrsnacht bis zur Oster-, Walpurgis- und Johannisnacht. Astronomen zeigen mit dem Nachthimmel die erhabene Unendlichkeit des Universums auf. Naturerscheinungen verstärken die Empfindungen, sei es der Mondschein, der durch die Wolken bricht, oder die scheinbar sternlose Finsternis. Schlafwandler verlieren die Orientierung; in "weißen" Nächten ist der Schlaf fern. Manchmal auch wird die Nacht zum Tag gemacht, nicht nur von Nachtschwärmern, wenn sie das Nachtleben der Städte anzieht.

Nicht jede/r Autor*in empfindet die Nacht als die Zeit, in der sich die Muse zu ihm herabbeugt. Adalbert Stifter klagte: "Schon wieder muss ich die Nacht zu Hilfe nehmen, und wer weiß es, ob ich sie nicht verschreibe, bis die helle Morgendämmerung durch meine Fenster scheint".

Die Sendung spürt dem Phänomen der Nacht in Mythologie und Religion, in Sagen, Märchen und in der Dichtung nach.

hr 2020

Sendung: hr2-kultur, "Feature", 26.12.2020, 12:04 Uhr.

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