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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Mainz: Was Pflanzen von der Apartheid erzählen

In der Kunsthalle Mainz ist eine Ausstellung des Schweizer Künstlers Uriel Orlow zu sehen: "Conversing with Leaves", also "Unterhaltung mit Pflanzenblättern". Wie unterhält man sich mit Pflanzen?

Für Uriel Orlow sind Bäume und Blumen Zeugen der Geschichte, und die Spuren der Vergangenheit existieren in den Pflanzen in der Gegenwart weiter. Das macht er in seiner Kunst erlebbar, mit Installationen, Filmen, auf vielen Flachbildschirmen und Projektionen sowie mit Schwarz-Weiß-Fotografien. Darauf sieht man Bäume in Johannesburg und Kapstadt unter dem Titel "The Memory of Trees", "das Gedächtnis der Bäume". Da ist zum Beispiel ein Milchholzbaum. An ihm wurden Sklaven aufgehängt, und unter seine Zweigen Menschhandel betrieben, und Anfang des 19. Jahrhunderts haben genau dort die Niederländer das Kap an die Briten übergeben.

Der Künstler Uriel Orlow bringt die Bäume sozusagen zum Sprechen?

Für uns, ja. Es geht in der Ausstellung in der Hauptsache um die Verstrickungen Europas mit dem afrikanischen Kontinent. Ein Baum, ein großer Ficus in Palermo, erzählt vom Kampf gegen die Mafia. Aber sonst dreht sich alles um die koloniale Vergangenheit und wie sie sich in Gärten, Bäumen und Pflanzen eingeschrieben hat. Zum Beispiel in die rote Geranie, in unseren Breiten eine beliebte Balkonpflanze. Kaum jemand weiß, dass sie vor Jahrhunderten von der Niederländischen Ostindien-Kompagnie aus Südafrika in die westliche Welt gebracht wurde. In der Ausstellung steht ein Ständer mit heimeligen Geranien-Postkarten, die kann man sich auch mitnehmen.

Uriel Orlow: Wild Almond (Cape Town), 2016

Wie kommt der Künstler auf seine Themen?

Manchmal stößt Uriel Orlow zufällig auf etwas. Er recherchiert in Archiven, sammelt Informationen und findet blinde Flecken in der Geschichte. Die verfolgt er weiter, er reist viel, führt Gespräche und betreibt Feldforschung. Für eine Arbeit hat er mit zwei Männern gesprochen, die gemeinsam mit Nelson Mandela im Gefängnis auf Robben Island inhaftiert waren. In der Kunsthalle Mainz sieht man das riesige Foto des Gefängnisgartens auf Robben Island und darauf werden kurze Texte aus diesem Gespräch projeziert.

Mandela konnte damals gemeinsam mit anderen politischen Gefangenen den Garten bepflanzen, ein erkämpftes Privileg, wie man erfährt. Doch von einem Garten kann kaum die Rede sein. Es ist ein ganz schmaler Streifen Erde am Rand des geteerten Gefängnishofs; Nelson Mandela hat in diesem Garten auch das Manuskript seiner Autobiografie vergraben. Das ist eine eindringliche Arbeit, vor der man lange steht, um die Texte zu lesen, und in die man hineingezogen wird.

Es geht um die Apartheid und den Freiheitskampf in Südafrika?

Auch um die Spuren des Kolonialismus. Es gehört zu dieser Arbeit nämlich eine Kranichblume auf einem Sockel, eine besondere Art, die nicht orange, sondern gelb blüht. Und als Nelson Mandela Präsident Südafrikas wurde, hat man die Blume "Mandelas Gold" genannt.

Die Blüte der Strelizie ist aber mit Maschendraht umwickelt, zum Schutz gegen das englische Eichhörnchen, das sie annagt. Die Arbeit hat den Titel "Die Rache des Eichhörnchens", denn das Tier wurde im 19. Jahrhundert von einem Engländer in Südafrika eingeführt. Das zeigt wie Uriel Orlow Dinge miteinander in Verbindung bringt und ein ästhetisches Sinnbild schafft für die Komplexität von Geschichte.

Strelitzie "Mandela Gold"

Uriel Orlow geht es darum, Politik über Pflanzen verstehbar zu machen. Er zeigt in der Ausstellung auch Filme über die traditionelle Pflanzenmedizin Südafrikas und wie die westliche Pharmaindustrie versucht, ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Man kann sogar einen Tee aus Artemisia afra trinken. Das ist eine afrikanische Heilpflanze, die wohl gut gegen Malaria wirkt. Die Weltgesundheitsorganisation aber rät zu Tabletten, und sie schränkt die Erforschung der Heilpflanze stark ein, erfährt man.

Das klingt nach einer sehr komplexen und interessanten Ausstellung.

Ja, man sollte sich dafür Zeit nehmen. Die Arbeiten wirken sehr intensiv, wenn man sich darauf einläßt. Ratsam ist es auf jeden Fall, das Begleitheft an der Kasse mitzunehmen, denn es erschließt sich nicht alles von selbst. Ich bin mit geschärftem Blick und voller Bilder aus der Ausstellung gegangen. Mit Eindrücken, die lange nachwirken.

Weitere Informationen

"Uriel Orlow – Conversing with Leaves"

Kunsthalle Mainz
(ab 2. Januar wieder geöffnet)
Bis 23. Februar 2020
Weitere Informationen zur Ausstellung

Ende der weiteren Informationen

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 30. Dezember 2019, 7:30 Uhr

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