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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Ihre Geschichten sind wie Wundertüten"

Gabriele Wohmann (1932-2015)

Die Darmstädter Schriftstellerin Gabriele Wohmann gilt als große Autorin, die mit scharfem, ironischem Blick beobachtete und ein unvergleichliches Gespür für die verborgenen Dramen des Alltags hatte. Ihre langjährige Lektorin bei Aufbau war Angela Drescher. im hr2-Kulturgespräch berichtet sie von der Zusammenarbeit.

Was schätzen Sie an Gabriele Wohmann?

Ihre Vielfältigkeit, die Überraschung, die man immer wieder erlebt, wenn man ihre Geschichten liest. So ein Geschichtenband ist wie eine Wundertüte. Da kommt man an alle möglichen Stimmung und Milieus und Familien. Und da weiß man am Anfang nie, wie so eine Geschichte endet. Sie orientierte sich sehr an der amerikanischen Kurzgeschichte. Sie springt sofort in eine Geschichte hinein, orientiert sich sehr an dem Milieu, über das sie schreibt, und wirkt dann sehr authentisch. Aber das Ganze ist ausgesprochen kunstvoll, weil die Geschichten ja wirkliche Kurzgeschichten sind - und da muss man sich jedes Wort überlegen. Das ist eine große Meisterschaft, da kann man als Lektorin kaum was streichen.

Gabriele Wohmann hat seit den 50er-Jahren veröffentlicht und seit den 60er-Jahren auch beim Aufbau-Verlag. Sie hat sich als Frau im damals noch besonders männlich dominierten Literaturbetrieb durchgesetzt. Können Sie sagen oder vermuten, wie sie diese Männerwelt damals gesehen hat?

Gabriele Wohmann

Sie hat mit einem sehr scharfen, sehr kritischen Blick darüber gesprochen. Sie war eine sehr schöne junge Frau, die wahrscheinlich auch sehr umworben wurde von den Herren. Aber sie hat sich nicht einwickeln oder blenden lassen, auch von den größten Namen nicht. Sie war verheiratet, schon in festen Händen - und sie beschreibt zum Beispiel die Treffen der Gruppe 47, wo sie als sehr junge Frau eingeladen war, in den 60er-Jahren. Sie beschreibt das als eine ziemlich brutale Angelegenheit, was die Männer so unter sich ausmachten und wo die Frauen, auch die Autorinnen, das schmückende Beiwerk waren. Im Grunde, meinte sie jedenfalls, ging es den den Herren eigentlich nur um die Besäufnisse und um das gesellschaftliche Leben abends. Und sie fand es sehr ungerecht, dass die anwesenden Autoren und Herren ihre Frauen mitbringen durften, aber die Autorinnen nicht ihre Männer. Und da gab es denn abends eben diese Feste mit Besäufnis, Tanz und Schmuserei, wie sie gesagt hat. Da hat sie sich natürlich darüber amüsiert. Aber sie war auch ein bisschen beleidigt, denn sie wäre gern mit ihrem Mann da gewesen.

Sie haben sie nur einmal getroffen. Den Rest haben sie am Telefon erfahren. Können Sie sich denn an diese an dieses eine Mal erinnern? Was war das für ein Treffen?

Gabriele Wohmann

Ein Höhepunkt, weil das Literaturhaus in Darmstadt zusammen mit dem Aufbau-Verlag eine Feier zu Gabriele Wohmanns achtzigsten Geburtstag ausgerichtet hat. Vorher haben wir zehn jahre lang nur telefoniert und Briefe geschrieben. Und die Telefongespräche? Die war ein denkwürdig. Das können Sie sich gar nicht vorstellen. Ihr Mann war ja quasi so etwas wie ihr Agent, ihr Mitarbeiter, ihr erster Lektor, der alles für sie organisierte, auch ihr den Rücken immer frei hielt. Und wenn man mit ihr telefoniert, da hatte man ihn unweigerlich auch am Telefon, er schaltete sich sofort ein. Also eine Dreierkonferenz, was manchmal etwas schwierig war, weil man ja mit dem Autor auch Dinge bereden möchte, die etwas diffiziler sind, wo man sich vorher überlegt, wie man das diplomatisch anbringen kann, Kritik oder so. Und wenn dann noch jemand sich gleich einmischt, wird das manchmal schwierig. Aber es war auch oft sehr, sehr komisch.

Wie war diese Feier zum 80., in Darmstadt?

Gabriele Wohmann

Sie war damals schon leider sehr gehbehindert und konnte deswegen auch sonst nicht mehr in der Öffentlichkeit auftreten. Aber das hat sie sich gegönnt - und ich kann Ihnen sagen, es war ein Triumph! Der große Saal fasste nicht die Leute, die sich angemeldet beziehungsweise angestellt hatten. Die saßen dann auf den Fensterbrettern und neben dem Podium, und das ging nur, weil der Bürgermeister versprochen hat, dass er bei den Brandschutz-Verantwortlichen ein gutes Wort einlegen wird. Und dann las sie eine halbe Stunde, herrlich, wunderbar die Stimme. Die passte so zu diesen auch sehr kratzigen Geschichten, das Publikum lag ihr zu Füßen. Am Ende wurde sie überhäuft mit Blumen und Geschenken - und am nächsten Vormittag war ich dann eingeladen zu ihr, zu einem Vormittags-Sherry, das kannte ich bis dahin nicht, hat mir sehr gut gefallen. Und dann gab es ein kleines Buffet, und dann hat sie mir das Haus gezeigt, ihren Arbeitsplatz und vor allen Dingen die Schreibmaschine.

Welchen Text, den sie beide zusammen realisiert haben, sollte man heute unbedingt mal lesen? Fällt Ihnen spontan was ein?

 Angela Drescher

Ach, das wäre jetzt alles ungerecht gegenüber den anderen Texten! Aber einen empfehle ich unbedingt, der heißt "Weihnachten wird diesmal richtig schön". Da geht es um eine Frau, Mutter einer Kleinfamilie, die sich vorgenommen hat, diesmal alles perfekt und richtig zu machen und eine große Pute gekauft und alles Mögliche vorbereitet hat. Und dann hat sie in der Hektik der Vorbereitung irgendein kleinen Unfall. Also, sie verstaucht sich oder bricht sich den Fuß. Sie kommt ins Krankenhaus, ausgerechnet am Heiligabend. Und man denkt, es ist die Katastrophe. Und es das schönste Weihnachten für Sie und für ihre Familie, weil ihr Mann und ihr Sohn haben überhaupt keine Lust auf diese Pute und vergraben sie im Garten. Sie holen sich eine Pizza, müssen sich nicht umziehen, keine Weihnachtslieder singen. Und die Frau liegt im Krankenhaus, selig, und lässt sich bedienen und muss nichts machen. So eine schöne Geschichte. Ich könnte ganz viele erzählen!

Die Fragen stellte Christian Sprenger

Sendung: hr2-kultur, 22.6.2020, 17:10 Uhr

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