Urlaub,Wandern

Manche denken, dass das Reisen in einer total entdeckten Welt zu verschwinden droht. Die Bewegungsbeschränkungen durch Corona haben diese Angst Wirklichkeit werden lassen. Ein Gespräch mit dem Reisephilosophen Klaus Kufeld.

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Klaus Kufeld
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Zum ersten Mal seit nicht erinnerlicher Zeit gibt es jetzt durch Corona eine Zäsur im Reiseverhalten von uns allen. Das gab es lange nicht mehr. Reiseziele sind nicht mehr beliebig ansteuerbar. Das ist jetzt nun einfach mal Fakt. Und wir wissen auch gar nicht, wie lange das dauert. Das kann sich ja auch noch eine Weile hinziehen. Was kann denn die Corona-Pandemie in Sachen Reiseverhalten im besten Falle bewirken?

Im besten Falle bewirken kann sie, dass wir sehen, dass wir in der Leere, die jetzt überall herrscht, die Fülle sehen können. Also dass wir jetzt leere Städte, leere Strände und leere Berge feststellen und dann sehen, wie es eigentlich aussehen könnte. Es ist ein Hilfszustand, der möglicherweise ein Wahrnehmungsparadoxon auslöst. Wir sehen dann das, was vorher zu viel war, und finden möglicherweise da den Punkt nicht der Umkehr, aber der Einschränkung.

Es wurde ja auch etwas anderes offensichtlich: Kaum waren die ersten Maßnahmen der Corona-Beschränkungen in Kraft, war auch schon wieder diese Unruhe zu spüren, diese Unruhe, dass der Mensch eigentlich die Füße nicht stillhalten kann. Und sofort wurde die Frage gestellt: Was ist mit unserem Urlaub? Wie ist es mit dem Reisen im Sommer? Was ist das denn im Menschen, dass er die Füße einfach nicht still halten kann?

Es gibt ja das berühmte Zitat von Pascal, dass wenn die Menschen zu Hause blieben, würden sie nichts anstellen, würden keine Kriege stattfinden und so weiter. Anthropologisch betrachtet ist der Mensch schon immer mobil gewesen und schon immer ein Reisender gewesen; er war ein Nomade, er ist Flüchtling, wie auch immer. Man hat sich immer schon bewegt, meistens aus wirtschaftlichen Gründen. Wenn er in Urlaub geht, will er schlicht entspannen und will es sich gut gehen lassen. Und je verwöhnter eine Gesellschaft ist, desto mehr schart sie dann mit den Hufen, um wieder los zu können, um wieder in die Weite zu gehen. Das ist, glaube ich, eine Konstante im Menschen, und daraus erklärt sich zweifellos die Unruhe.

Daraus leiten Sie aber auch ein Reiserecht für den Menschen ab, Klaus Kufeld. Es ist ein moralisches Recht, dass Sie da sehen. Können Sie das ein bisschen genauer ausführen? Warum haben wir ein Recht auf Reisen?

Wir haben ein Recht auf Reisen, weil der Mensch eben als mobiles Wesen geboren ist. Und daraus ergibt sich dann dieser Reise-Impetus, dass er in die Weite geht. Ich begründe daraus ein Recht, denn die Entwicklung des Tourismus Mitte des 18. Jahrhunderts war ja schon eine demokratische Bewegung. Und was dem einen zugute kommt, soll dem anderen auch zugute kommen. Im Grunde hat das etwas Ansteckendes. Man will auch unterwegs sein. Man will auch die Welt sehen. Und mit der Globalisierung hat sich der Effekt verstärkt. Man beschränkt sich nicht mehr auf die eigenen vier Wände oder auf Balkonien oder das eigene Land. Man will überall hinreisen, und daraus leite ich durchaus ein Recht ab, weil man den Menschen das nicht absprechen kann, dass sie sich eben bewegen.

Grundsätzlich nicht absprechen. Aber die Art und Weise, wie er sich bewegt, die könnte man ja nun diskutieren. Und Sie haben jetzt auch gerade erklärt: Erst kam die Demokratisierung, dann die Globalisierung. Und die Folgen beider Prozesse für das Reisen und vor allem auch für die bereisten Städte und Länder, die haben wir ja nun vor Augen. Es wurde ja nicht umsonst geklagt, das wir heute mit dem Tourismus auch ein großes Problem haben. Seit einiger Zeit wird das beobachtet.

Richtig, also die Corona-Pandemie hat insofern den Vorteil, dass wir mal innehalten und dass wir mal uns die Welt anschauen können, in welchem Zustand sie sich befindet. Und wenn wir den Tourismus als Wirtschaftsmodell sehen – es ist immerhin der drittgrößte Wirtschaftssektor weltweit – dann muss man sehen, dass das Geschäft der wenigen Betroffenheit bei den vielen erzeugt. In dieser Paralyse merken wir schon, dass etwas überbordet und dass man da mal die Bremse ziehen muss.

Schlange in der sogenannten Todeszone am Mount Everest

Wenn Sie sich Dubrovnik anschauen, wo täglich Zehntausende von Chinesen oder Amerikanern durch die Stadt geschleust werden, mit den entsprechenden Kreuzfahrschiffen. Wenn man weiß, dass Machu Picchu völlig überlastet ist in Peru, dass der Everest sogar Staus hat. Das sind Dinge, die haben wir nicht für möglich gehalten. Und ich denke, die Corona-Pandemie gibt die Chance der Besinnung mal darüber nachzudenken, wie man diesen Prozess aufhalten kann.

Wobei dieses Aufhalten ja schon stattgefunden hat. Wir haben ja jetzt schon den Stillstand, eine Schockstarre also, eine von oben verordnete Geschichte, denn das Ganze einzubremsen, wäre beinahe unmöglich gewesen. Da sind wir dann fast bei einem anderen Thema, dass man jetzt auch darüber nachdenken muss, den Planeten zu schützen. Und da ist der Tourismus natürlich ein ganz gewaltiger Faktor.

Sie halten es ja für erforderlich auf Grund der beschriebenen Phänomene, dass sich die Menschheit auf ethische Kriterien für das Reisen einigt. Was würden Sie da vorschlagen? Was wäre denn der erste Grundsatz?

Der erste Grundsatz für eine Ethik – und Ethik heißt ja das gute Handeln in der Philosophie – würde bedeuten, dass wir beginnen müssten, uns zu beschränken. Jetzt auch mit dem horizontalen Blick auf dem Planeten insgesamt, wo der Tourismus eine bestimmte Rolle spielt, denke ich, müsste es zu einer Art vernunftmäßiger Einschränkung kommen.

Es gibt ja Länder wie Neuseeland, die haben im letzten Jahr beispielsweise ein Eintrittsgeld erhoben, dass man überhaupt in das Land kann. Oder es gibt andere Länder wie die Seychellen, wo man das gesamte Land kontingentiert, also nur eine bestimmte Zahl von Touristen reinlässt. Das Ganze sollte man eigentlich nach meiner Ansicht auch auf Städte ausdehnen, also auch Städte müssten quasi unter Kulturschutz gestellt werden. Und man kann nicht mehr überall hin, wie es einem gerade passt, sondern man müsste die Beschränkungen mitdenken. Und das wäre dann der der ethische Faktor daran.

Ja, auf Vernunft zu setzen, das ist ein gutes Wort. Nun ist der Mensch ein Vernunftwesen, aber er lässt sie oft genug hinten anstehen, und dann bestimmen andere Impulse sein Verhalten, gerade wenn es ums Reisen geht. Also ganz allein auf die Vernunft zu setzen, das wird nicht reichen.

Vernunft heißt ja jetzt nicht nur die die ethische Verantwortung des Einzelnen. Da bin ich eher auch pessimistisch, sondern das wäre dann das Agieren der Staaten. Ich glaube, die Staaten müssten in dem Sinne vernünftig werden und müssen sehen, was der Tourismus eben mit ihren Ländern anstellt. Also, man kann sich in Zukunft nicht mehr allein vom Tourismus abhängig machen, wie dieser bei vielen Ländern schon der Fall ist, sondern man muss diese Kontingentierung quasi staatlich einführen und und damit zu einer Art Regulierung kommen. Das wäre dann auch eine Art von Vernunft, die ich da ebenfalls machen würde.

Regulierungsmaßnahmen – Sie haben auch schon ein paar Beispiele genannt – sind auch schon in Kraft. Andere Städte, vor allem Amsterdam, Venedig, Barcelona diskutieren zumindest darüber. Und da lese ich von ihnen einen Satz: Das Ganze sollte aber auf der Grundlage von Geboten und nicht Verboten stattfinden. Da halte ich dagegen: Ohne Verbote wird das nicht gehen.

Ja, gut, als Philosoph spreche ich jetzt keine Verbote aus. Ich setze jetzt natürlich schon auf die Autonomie der Menschen und auf den Appell an die Vernunft und so weiter. Und ich weiß natürlich selber auch, dass es schon schwierig wird. Man kann an eine gewisse Verantwortlichkeit einfach appellieren. Und man muss das jetzt nicht verordnen im Sinne von Verboten, sondern man kann schon auf Gebote setzen. Schauen Sie sich "Fridays for Future" an. Das ist auch eine Bewegung gewesen, die ein Bewusstsein ausgelöst hat, was sich ja weltweit mittlerweile darstellt. Das sind ja auch keine Dinge, die jetzt vom Einzelnen ausgehen, sondern ganze Bewegungen darstellen.

Aber glauben Sie ernsthaft, dass sich dieses Rad, das sich schwer dreht, aufhalten lässt? Jetzt ist es natürlich ein bisschen ins Stocken gekommen. Aber es beginnt ja schon wieder: Die Berichte, die uns da aus Mallorca oder anderen Gegenden erreichen, lassen ja das Schlimmste befürchten, dass es einfach alles wieder so weitergeht, wie es vorher war. Mit ein paar Einschränkungen vielleicht.

Ich glaube, dass der Trend dahin schon zu beobachten ist, dass es wieder einfach so weiter geht, als wäre nichts passiert. Aber in der Zwischenzeit haben die Staaten, die Menschen, die Ethnien, die Kulturen die Möglichkeit, über bestimmte Regulierungsmaßnahmen nachzudenken. Und man weiß ja von Venedig und anderen Städten, dass man auch schon einiges unternimmt, um die eigene Bevölkerung zu schützen.

Kreuzfahrtschiff Venedig

Auch die jeweilige Bevölkerung kann ja aufstehen und kann sagen: So geht das nicht mehr weiter, dass alles vom Tourismus abhängig ist. Also, das Gebot stelle ich dann schon in die Linie eines Soll-Seins. Ich bin da nicht so pessimistisch. Ich glaube, dass es zwar nicht komplett zurückzudrehen ist. Das ist wahrscheinlich auch nicht wünschenswert. Aber es sind schon Prozesse zu beobachten, dass sich manches neu sortiert.

Klaus Kufeld, Reisephilosoph. Da gebe ich Ihnen zum Schluss noch einmal den Raum zu erklären, wie sie Reisen verstehen. Sie machen einen Unterschied zwischen Urlaub und Reisen. Das Reisen ist etwas anderes als Urlaub machen. Und Sie haben da diesen Begriff vom "kosmischen Reisen" ins Spiel gebracht. Was ist das?

Johann Gottfried Seume

Ja, das kosmische Reisen kommt vom kosmischen Sehen, von Johann Gottfried Seume, der ja von Leipzig nach Syrakus noch gegangen ist und das Gehen zu seiner Reise-Philosophie gemacht hat. Das kosmische Sehen, das kosmische Erfahren der Welt heißt einfach, dass ich jetzt nicht von da nach dort fliege und Tausende von Kilometern hinter mir lasse, sondern dass ich möglichst bewusste Schritte mache, um mich auch auf die entsprechenden Landschaften einzulassen, und dann die Welt so wahrnehme, wie sie tatsächlich ist, und nicht nur die, die ich mir vorstelle, in meiner Traumwelt.

Und das praktizieren Sie auch so?

Das praktiziere ich auch so. Reisen ist das Gegenteil von Urlaub. Aber ich mache natürlich auch Urlaub, will auch weder Urlaub, noch Erholen, noch Tourismus schlecht reden. Aber je konkreter man das plant, desto bewusster werden die Schritte. Und nach diesem Prinzip reise ich auch selber.

Die Fragen stellte Martin Maria Schwarz.

Sendung: hr2-kultur Kulturcafé, 20.07.2020, 17:10 Uhr.

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