Henrik Müller

Unsere Gesellschaft hat sich radikalisiert und polarisiert. Henrik Müller sucht die Ursachen und Folgen für diese Veränderung.

Ein Problem sieht er in dem größeren öffentlichen Druck, der heute auf politischen Entscheidungen lastet und zu ihrer Beschleunigung führt. Warum das eine Gefahr für Wirtschaft und Gesellschaft bedeutet, hat er in seinem Buch "Kurzschlusspolitik. Wie permanente Empörung unsere Demokratie zertört" analysiert.

Seine These: Der öffentliche Druck beschleunigt politische Entscheidungen.

hr2-kultur: Was ist denn so schlecht daran, wenn die Politik unter Druck gesetzt wird?

Henrik Müller: Daran ist überhaupt nichts schlecht. Das ist ja das Wesen der Demokratie. Die Frage ist, wie wird sie unter Druck gesetzt und wie stark fühlt sie sich unter Druck gesetzt und welche Entscheidungen trifft sie dann. Wir haben in den letzten Jahren verschiedene Bewegungen erlebt, die tatsächlich die politische Agenda massiv verändert haben.

Da ist nicht zu letzt in Deutschland Pegida. All das wäre nicht möglich gewesen ohne soziale Medien als Organisationsplattform, aber auch als Multiplikationsplattform über die solche zunächst mal lokalen Bewegungen eine nationale Bedeutung erreichen. Und dann natürlich auch Medien wie das Fernsehen - traditionelle Massenmedien - darauf einsteigen und daraus eine große Bewegung machen.

Wir haben in der Flüchtlingsfrage gesehen (...) die über diese Transmission erst der sozialen und dann der klassischen Medien, es geschafft hat die Agenda der deutschen Innenpolitik auf Jahre mitzubestimmen. Und da haben wir es mit einer Problemlage zu tun - wenn man sich Umfragen anguckt - den allermeisten Bundesbürgern nicht besonders wichtig ist, was ihr persönliches Leben angehen. Aber natürlich prägt das das Bild von der Gesellschaft. (...) Wir haben es mit einem medialen Bild der Gesellschaft zu tun, was sehr negativ ist, was stark dramatisiert ist und dann beschäftigt sich die Politik mit Themen, die eigentlich für die meisten Bürger nicht vordringlich sind und das ist in der Tat ein Problem.

Als Sie das Buch geschrieben haben war von Corona noch gar keine Rede. Was beschleunigt da im Moment politische Entscheidungen?

Müller: Ich würde sagen, wir haben es zum einen mit einer natürlich politischen Reaktion zu tun, die erst mal national ist. (...) In Zeiten der Krise - haben wir in der letzten Woche gesehen - wir beschäftigen erstmal mit uns als Nation. Also das wird der Bezugsrahmen. Und das ist für mich eins der großen Langfristrisiken, wenn wir dann diese medizinische Krise erstmal überwunden haben, aus diesem rein nationalen Denken, aus diesem Rückfall, diesem nationalen Reflex, wieder raus zu kommen, und uns als Gesellschaften zu öffnen und insbesondere als Europa offen zu halten.

Corona stellt alles auf den Kopf. Der Staat greift in unsere Freiheitsrechte ein. Wie widerstandsfähig zeigt sich unser demokratisches System jetzt?

Müller: Im Moment zeigt es sich ziemlich widerstandsfähig. Wir sehen ja, dass sich die allermeisten Menschen daran halten. Das liegt sicherlich auch daran, dass die Kommunikationswege heute eben auch für Regierung, für Behörden sehr direkt mit den Bürgern Kontakt aufzunehmen, schon etwas nützt.

Nicht desto trotz ist natürlich diese Einschränkung der Freiheitsrechte usw., wenn sich das als Dauerzustand etablieren sollte, wenn wir aus dieser totalen Krisensituation nicht wieder rauskommen (...) dann wird das unsere Gesellschaft und auch die Art, wie unsere Demokratien funktionieren, massiv und dauerhaft verändern. Wir sollten alles daran setzen, dass es nicht soweit kommt.

Unter dem Motto "Erregungen" wollte das 10. Literaturfestival FrankfurtRheinMain literaTurm die zunehmende Gereiztheit gesellschaftlicher Debatten in den Fokus stellen. Gespräche mit ausgewählten Festival-Mitwirkenden hören Sie vom 23. bis 27. März im hr2-Kulturfrühstück und hr2-Kulturcafé und können Sie online hören.

Die Fragen stellte hr2-Moderatorin Catherine Mundt.

Sendung: hr2-kultur Kulturcafé, 24.03.2020, 17:05 Uhr

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