Max Uhlig bei der Arbeit im Glasstudio Derix

Neun Jahre hat es gedauert. Über 390 Quadratmeter Glas. Mundgeblasenes Glas. Alles handbemalt. 14 gotische Fenster. Das ist einzigartig auf der Welt. Im verborgenen Taunusstein bei Wiesbaden, wirklich im tiefsten Taunus, sitzt eine der fantastischsten Firmen Hessens, findet Natascha Pflaumbaum. Hierhin pilgern Künstler aus aller Welt, weil sie nur hier etwas bekommen, was es anderswo nicht gibt.

Es ist die Firma Glasstudio Derix. Derix ist eines von einer Handvoll Glasstudios weltweit, die Kunst aus Glas umsetzen. Gerhard Richters berühmtes Fenster für den Kölner Dom hat Derix gefertigt. Nun hat Derix wieder einen großen Coup gelandet und nach neun Jahren eine Arbeit abgeschlossen, die atemberaubender ist als alles andere bisher.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Max Uhligs Fenster für die Johanniskirche in Magdeburg

Max Uhlig
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Der Dresdner Maler Max Uhlig ist 83 Jahre alt. Er hat diese 390 Quadratmeter Glas bemalt für die Kirche St. Johannis zu Magdeburg – eine Gotische Kirche aus dem 10. Jahrhundert. Neun Jahre hat er an diesem Werk gearbeitet. Vor vier Jahren hat Natascha Pflaumbaum den Künstler bei den Derix Glasstudios getroffen. In der Malkabine. Mit einem riesigen Chinapinsel klatscht er Farbe auf das Glas.

"Es ist wie Ein- und Ausatmen, aber mit großer Intensität", sagt Max Uhlig. "Ich will nicht sagen ins Ekstatische, sehr streng kontrolliert. Obwohl es so aussieht, als sei es gerade DAS nicht." Max Uhlig malt in großen Gesten. Farbe spritzt. Spezielle Farbe, denn diese hier muss nach jedem Malvorgang gebrannt werden.

Uhlig: "Das ist jetzt das so genannte Silbergelb, was spiegelverkehrt auf die Rückseite aufgetragen wird. Man muss sich vorstellen, dass dieses Dunkelbraun, dieses Schokoladenbraun, also Milchschokolade – sagen wir mal –, dass das übermorgen hellgelb bis Ocker ist, wenn das angeschmolzen ist."

Max Uhlig bei der Arbeit im Glasstudio Derix

Farbe schmilzt in das Glas ein. Glasmalerei ist sehr speziell und komplex. Die Farben und der Malprozess sind kompliziert und überhaupt nicht zu vergleichen mit dem Malen auf Leinwand. Dieses Spezialwissen haben bei Derix die Assistenten, die jedem Künstler beim Herstellungsprozeß eines Kunstwerkes handwerklich zur Seite stehen. Rahmi Schulz hat Max Uhlig neun Jahre begleitet:

Glasstudio Derix

"Um so eine reichhaltige Malerei darzustellen, braucht man verschiedenen Ebenen an Farben, die aufeinander liegen, die aber einzeln eingebrannt werden müssen. Um eine Farbe darzustellen, muss man sie bei 600 Grad ca. einbrennen, dann steht sie auf dem Glas, ist fest miteinander verbunden, und man kann erst dann wieder eine Farbe auftragen, um die dadrunter nicht wieder anzulösen und zu verwischen."

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zum Video Einbau eines Glasfensters

Ein Glasfenster von Max Uhlig in der Johanniskirche Magdeburg
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Vor wenigen Tagen haben die Kollegen von Rahmi Schulz das 14. Fenster in Magdeburg eingebaut. Das Werk ist damit nach neun Jahren vollendet. Die 14 Fenster von St. Johannis sind ein Meisterwerk – von der Öffentlichkeit und der Fachwelt  – noch – allerdings kaum beachtet. Dabei hat das Werk in vieler Hinsicht ein Alleinstellungsmerkmal. Es ist vom Produktionsprozess, von der künstlerischen Herstellung und Ausfertigung und hinsichtlich der Größe einzigartig.

Patricia Werner von der Ostdeutschen Sparkassenstiftung, die auch zu den Geldgebern gehört, meint: "Ich finde sie überwältigend. Das ist das einzige Wort, das mir dazu einfällt. In mehrerlei Hinsicht: Es gab sie vorher nicht. Und sie passen für den Ort unglaublich gut. Sie tun aber genau das, was in einer Kirche, selbst wenn sie als diese nicht mehr genutzt wird, sein soll: dass der Mensch überwältigt wird von dem Ort und von dem, wofür dieser Ort steht."

Die Silhouette von Magdeburg am Hochufer der Elbe mit dem Dom (l-r), Kloster Unserer Lieben Frauen, Johanniskirche, Petrikirche und Wallonerkirche aufgenommen im Abendlicht.

Die Johanniskirche in Magdeburg ist ein Symbol für Widerstand. Sie wurde in den vergangenen 1000 Jahren fünf Mal zerstört, und fünf Mal wieder aufgebaut. Sie ist die gute Stube der Stadt: hier finden heute Konzerte und Veranstaltungen statt.

Max Uhlig

Max Uhligs Werk hat die symbolische Bedeutung des Ortes auf den Punkt noch einmal erhöht – denn Uhlig malt abstrakt. Nur Landschaften oder Porträts. Alles übersetzt er in ein Liniengewebe. Wer seine wilden schwarzen Gitternetze das erste Mal sieht, ist irritiert. Krikel-Krakel, wirr. Für St. Johannis hat Max Uhlig acht Grisaillen, also schwarz-weiße Fenster gemalt und sechs farbige. Die vertrackten groben Strichenetze symbolisieren Weinstöcke. Die farbigen Fenster ergeben in der Gesamtsicht ein megalomanes Gemälde: ja, eine Landschaft, durchglüht von rot- gelbem Sonnenlicht.

Johanniskirche Magdeburg Glasfenster von Max Uhlig

Die Kunsthistorikerin Annegret Laabs dazu: "Ich würde schon sagen, die Arbeit von Max Uhlig gehört zu den ganz großen, weil sie nicht nur vom Volumen her, sondern auch von der Kraft und Überzeugung einfach einmalig ist. "

Die Fenster lassen das Kirchenschiff bei Sonnenschein regelrecht auflodern. Max Uhligs Werk für Magdeburg ist auch einzigartig, weil diese 14 Fenster allein von Stiftungen, Spendern und Förderern finanziert wurden mit 1,4 Millionen Euro. Die Magdeburger lieben diese Kirche. Sie ist das Herz der Stadt. Ab jetzt schlägt es wieder im Takt.

Sendung: hr2-kultur, "Kulturcafé", 04.08.2020, 17:30 Uhr

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