Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Der Ginnheimer Spargel

Hessen von oben

Frankfurt hat den höchsten Fernmeldeturm – oder doch Berlin? 1979 zu seiner Eröffnung war er ein Symbol des Fortschritts mit seinem futuristischen Eingangsgebäude, seiner Höhe und seiner außergewöhnlichen Form. Gudrun Rothaug bewundert den Ginnheimer Spargel gezwungenermaßen nur von außen.

"Die Form war typisch für seine Zeit, diese Art von Kegel und die Ausführung in Sichtbeton – ein ganz typischer 70er-Jahre-Bau, brutalistisch, Höhepunkt der Ingenieurbaukunst. Man konnte betonieren bis über 300 Meter hoch. Das war Weltklasse. Das war der Sinn und Zweck in der damaligen Zeit," sagt Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseums.

Ginnheimer Spargel Europaturm Messeturm

Ein Zeichen technischer Überlegenheit

Wer hat den größten, den höchsten und interessantesten Turm? Aber es ist nicht nur das, denn in vergangenen Zeiten musste der Fernmeldeturm höher sein als die Frankfurter Wolkenkratzer. Hier liefen einmal alle Fernmeldenetze über Richtfunk zusammen: Telefongespräche, Radio- und Fernsehprogramme wurden von Frankfurt aus weitergeleitet. Und so hat der Ginnheimer Spargel – offiziell "Europaturm" genannt – neben seiner städtebaulichen Schönheit auch Technikgeschichte geschrieben.

Er wurde deshalb unter Denkmalschutz gestellt, sagt Markus Harzenetter, Präsident des Hessischen Landesdenkmalamts, auch wenn hauptsächlich digitale Anlagen auf ihm stehen: "Bis heute ist dieser Europaturm ein Knotenpunkt. Und er ist interessanterweise auch ein Endpunkt der Höhenentwicklung solcher westdeutschen Fernmeldetürme." Doch seit der Wiedervereinigung ist der Ginnheimer Spargel nicht mehr der höchste Fernmeldeturm Deutschlands: "Der Berliner ist tatsächlich aufgrund seiner längeren Antenne höher."

Mutprobe in der Diskothek

Die Frankfurter Kanzel jedenfalls – die "Superkanzel" wie die Presse damals titelte – ist immer noch die höchste. Von dort konnte man früher in die Weiten Hessens schauen, man tanzte und speiste himmlisch im Drehrestaurant. "Kein Fernsehturm in Deutschland hat diese trichterförmige Kanzel wie eben der Frankfurter Fernsehturm. Und diese Kanzel ist in der Tat die höchste in Deutschland. Einzigartig in ihrer Silhouette mit dieser starken Trichterform, weit ausladend – fast 59 Meter im Durchmesser – weltweit die größte Kanzel, was jetzt den Durchmesser anlangt."

Ginnheimer Spargel

Und die Glasscheiben der trichterförmigen Kanzel auf 222 Meter sind wirklich sensationell schräg. "In der Diskothek galt es früher einmal als Mutprobe, sich einmal drauf zu legen. Es hat gehalten in der Vergangenheit. Aber es war offiziell nicht erlaubt." Peer Kollecker arbeitet für die Deutsche Funkturm GmbH; sie ist die Eigentümerin des Ginnheimer Spargels. Und die Techniker, die im Turm arbeiten, können den Fernblick immer noch genießen, und das sogar draußen im Freien.

Für die Öffentlichkeit gesperrt

Für die Öffentlichkeit ist der Europaturm seit rund 20 Jahren wegen des mangelnden Brandschutzes gesperrt. Der galt zwar zur Eröffnung noch als der beste in Frankfurt, doch nach heutigen Bestimmungen fehlt dem Turm noch ein zweiter Fluchtweg. "Man kann sich leicht vorstellen, dass im Falle eines Brandes die Rettung extrem schwierig ist. Man muss über die Treppe runter. Sie brauchen einen zweiten unabhängigen Fluchtweg von dort oben." Durchs Treppenhaus runter, das sind insgesamt über 1300 Stufen.

Wenn man den Ginnheimer Spargel wieder für alle öffnen wollte, würde das 50 Millionen Euro kosten, sagt Markus Harzenetter, Präsident des Hessischen Landesdenkmalamts. Der Bund würde zwar 25 Millionen dazugeben, doch wer soll den Rest bezahlen, noch dazu in unserer Zeit, wo man vielleicht eher darüber nachdenkt, wie leer Frankfurt von weit oben aussieht oder wie viele Rollen Toilettenpapier es vom Boden bis zur Spitze in 337,5 Metern bräuchte. Und so wird man den Ginnheimer Spargel in der kommenden Zeit betrachten wie den unerreichbaren Mond, das glaubt auch Peter Cachola Schmal, Direktor des Deutschen Architekturmuseums: "Insofern wird er das tun, was er tut: baulich als Symbol am Horizont stehen."

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 23.4.2020, 8:45 Uhr

Aktueller Song:
Lädt
Lädt
Lädt - Lädt
Lädt - Lädt
mit