Hannah Ryggen am Webstuhl, um 1964, Adresseavisen, Trondheim / Hannah Ryggen, Livet glir forbi (Das Leben gleitet vorbei), 1939, 190 x 185 cm, Privatsammlung, Norwegen

Die Schirn Kunsthalle in Frankfurt präsentiert die erste Retrospektive in Deutschland zu Hannah Ryggen und zeigt eine einzigartige Position in der norwegischen Kunst des 20. Jahrhunderts – eine echte Entdeckung.

Diese oft monumentalen Teppiche haben nichts mit schöner, flauschiger Inneneinrichtung zu tun – sie zeigen Attentate, Hinrichtungen und alleinerziehende Frauen, die selbst in der progressiven norwegischen Gesellschaft noch stark benachteiligt wurden. Ryggens Wandteppiche sind sehr bewegend – vor allem, weil sie große politische Themen selbstverständlich mit authentischen persönlichen Bekenntnissen der Künstlerin verbinden.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Hannah Ryggen: Gewebte Manifeste

Hannah Ryggen: Ohne Titel (Selbstbildnis) 1970
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Mit einem scharfen Blick und klarer kritischer Haltung webte Hannah Ryggen eigenhändig gegen Atomwaffen, gegen die Wiederaufrüstung der NATO, gegen den Nationalsozialismus und weitere virulente Themen im Europa der 1930er und 1940er Jahre. Ihre fein gewebten, farbenprächtigen Tapisserien waren häufig auch als Unterstützung und Manifest für konkrete Personen der Zeitgeschichte gedacht: für Widerstandskämpfer, Pazifisten, Kommunisten – zum Beispiel ihr Manifest "Tod der Träume" für den Publizisten Carl von Ossietzky, der 1936 von den Nazis inhaftiert wurde, weil er die illegale Aufrüstung Deutschlands – ein Verstoß gegen den Versailler Vertrag – öffentlich machte.

Möglichst viele Menschen erreichen

Die farbintensiven, fein gewobenen Tapisserien zeigen Figuren und konkrete Szenen, die von Ornamenten wie Rauten, Kreisformen und floralen Ranken umgeben und regelrecht mit ihnen verflochten sind. Hannah Ryggen arbeitet dabei stark symbolisch, nutzt etwa christliche Motive von der Kreuzigung über die Maria mit Kind, über tiefrote Farbe für Gewalt und Blut oder auch, in Form ornamentaler Herzen, für die Darstellung der innigen, jedoch auch schwierigen Beziehung zu ihrer epilepsiekranken Tochter.

Hannah Ryggen am Webstuhl

Der absolute Höhepunkt in der Ausstellung dürfte die drei mal vier Meter große Tapisserie "Wir leben auf einem Stern" sein. Sie ist am Ende des Rundgangs zu sehen und stellte auch den Höhepunkt des Schaffens von Hannah Ryggen dar, die zeitlebens ihre Teppiche nicht an private Sammler verkaufte, sondern ausschließlich an öffentliche Institutionen, wo ihre "Manifeste" möglichst viele Menschen erreichen konnten.

"Wir leben auf einem Stern"

Die Auftragsarbeit aus dem Jahr 1958 war für das Regierungshochhaus in Oslo bestimmt und zeigt stark symbolisch die ewige Liebe der Menschen untereinander und unsere Beziehung zu Kosmos, Leben und Kunst. Der Wandteppich, der ein nacktes Menschenpaar vor blauem Hintergrund zeigt, das sofort an Adam und Eva denken lässt, wurde 2011 bei einem rechtsterroristischen Anschlag auf das Regierungsgebäude beschädigt.

Wandteppich von Hannah Ryggen: Vi lever på en stjerne (Wir leben auf einem Stern), 1958

Ganz rechts unten zeugt eine geflickte Stelle vom Attentat – wie eine Narbe – und erinnert uns daran, dass weder Menschlichkeit, noch die demokratischen Errungenschaften einer pluralistischen Gesellschaft heute selbstverständlich sind. Wir müssen sie verteidigen – genauso wie vor 90 Jahren. Dafür ist diese Ausstellung selbst ein hochaktuelles Manifest!

Weitere Informationen

Hannah Ryggen

bis 12. Januar 2020
Schirn Kunsthalle, Frankfurt
Zur Ausstellung der Schirn

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Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 26.9.2019, 8:45 Uhr

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