Heinz Strunk

In diesem Jahr bekommt Heinz Strunk den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor. Seine Komik, die die Grenze des Humors weit ins Bösartige ausdehnt, ist so doppelbödig, wie in kaum einem anderen Werk. Ein Gespräch über Humor, Realismus und Empathie.

Die Helden Ihrer Romane sind oft Underdogs, Loser, Menschen mit wenig Geld und Perspektive. Sie schaffen es, dass das Ganze dann nicht zu einer gut gemeinten Sozialreportage wird, die Leute gleichzeitig aber auch nicht vorgeführt werden. Welche Rolle spielt der Humor? Hilft das?

Heinz Strunk: "Humor als Antwort auf Melancholie, um eben diese zu überwinden". Das habe ich mir so mal selber ins Stammbuch diktiert. Wobei man bei mir ganz klar unterscheiden muss in meinen beiden Haupttätigkeiten: Das eine ist das Literarische, und da ist der Humor im Laufe der Zeit immer mehr in den Hintergrund getreten, auf der anderen Seite ist da die Intimschatulle in der Titanic. Das ist ein fiktives Tagebuch, das sich orientiert an den großen literarischen Vorbildern, die ich in meinen eigenen Kosmos überführt habe.

Man hat insgesamt den Eindruck, Ihnen ist nichts Menschliches fremd. Und Sie schaffen es, diesen Menschen in Ihren Büchern ihr Mensch-Sein zu lassen, trotz aller Schrecklichkeiten. Wie fühlen Sie sich da hinein?

Strunk: Es gibt einen sehr schönen Satz in dem Zusammenhang, der stammt von Rainald Götz: "Mitgefühl ist die Frohe Botschaft der Literatur". Und das finde ich einen ganz wunderbaren Satz. Und es geht grundsätzlich darum, dass man höchstmögliche Empathie mit seinen Figuren empfinden soll. Und dass ich den Serienmörder Fritz Honka im "Der Goldene Handschuh" so gezeichnet habe, dass man fast Mitleid mit ihm haben könnte, das war gar nicht meine Absicht. Sondern es hat sich im Laufe der Beschäftigung mit der Materie so ergeben.

Und wenn bei "Jürgen" so arme Willis im Vordergrund stehen, also Leute, die auf der Schattenseite des Lebens sind, dann hängt das auch damit zusammen, dass natürlich die Welt der Schönen und Reichen literarisch eher uninteressant ist. Wen interessiert schon eine Biographie ohne Brüche? Ich komme auch aus Verhältnissen, wo es schwierig war. Und ich habe mir immer meine Solidarität mit diesen Leuten bewahrt und außerdem bin ich auch durch durchaus schwere Phasen gegangen.

In der Verfilmung Ihres Romans "Jürgen – Heute wird gelebt" gibt es folgende Situation: Charly Hübner ist Rollstuhlfahrer und das wird immer unwichtiger im Laufe des Films. Wenn er mit seinem Rollstuhl richtig gegen die Wand donnert und rausfällt, darf man darüber nicht lachen - tut man aber doch. Und zwar weil man den Rollstuhlfahrer nicht mehr in ihm sieht. Funktioniert ihr Humor, weil Sie Ihre Protagonisten sehr ernst nehmen?

Strunk: Ja, das muss man unbedingt. Gerade, wenn man sich so in Grenzbereichen bewegt, wo ein Rollstuhlfahrer aus dem Rollstuhl kippt, dann muss man natürlich besonders genau sein. Da darf man sich keine Fehler erlauben. Schon ein schlecht formulierter Halbsatz kann so eine ganze Konstruktion zum Kippen bringen. Ich glaube, dass ich über die Jahre hin, ich mach das ja auch schon seit 30 Jahren, eine sehr große Genauigkeit entwickelt habe und hoffe, dass mir da wenig Fehler unterlaufen.  

Ein weiteres Stilmittel in Ihren Büchern, das sind diese Sprüche. "Paris, Athen, auf Wiedersehen!" oder "Fleisch ist mein Gemüse".

Strunk: Mein Archiv an Sprüchen ist fast unerschöpflich. Ich bin einer der letzten Mohikaner, die noch lineares Fernsehen schauen und da gibt es immer wieder ganz überraschend tolle Sprüche. Und das Schöne an diesen Sprüchen ist, die kann man sich nicht ausdenken. Weil die aus dem Volk kommen. Und da habe ich richtige Perlen und Juwelen, die so toll sind, dass die so eine Art Metaebene haben.

Zum Beispiel: "Täglich geht die Sonne auf, täglich weicht die Nacht dem Licht, alles siehst du einmal wieder, nur verlorenes Werkzeug nicht." Ich habe eine Schrauberwerkstatt und da hängt dieser Spruch.

Welche Rolle spielt Humor in Ihrem Leben? Oder spielt der nur eine Rolle in Ihrer Literatur, auf der Bühne bei Fraktus?

Strunk: Der spielt tatsächlich eine untergeordnete Rolle. Ich glaube, wenn man mich nicht kennt, und mutmaßen sollte, welchem Beruf ich nachgehe, dann würde man eher auf evangelischen Pfarrer oder kaufmännischen Angestellten kommen, als dass ich mich schwerpunktmäßig mit Literatur, Humor und Musik beschäftige. Ich sehe ich immer an den Fotos, die von mir gemacht werden, dass ich einen sehr ernsten Eindruck mache. Manchmal ist selbst mir das zu ernst. Man sieht es mir jedenfalls überhaupt nicht an.

Die Fragen stellte Rosemarie Tuchelt.

Videobeitrag

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zum hr-fernsehen.de Video Humor als Therapie – Heinz Strunk erhält Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor

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Sendung: hr2-kultur, Kulturcafé, 2.3.20, 17:10 Uhr

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