Die eigene Geschichte, auch die eigene Familie, ist Annie Ernaux’ literarisches Thema. Nach dem Tod des Vaters schreibt sie, die studiert hat und Gymnasiallehrerin geworden ist, über ihn, den Bauerssohn, Fabrikarbeiter und Kneipenwirt. Sie schreibt, weil sie mit ihrer Herkunft gebrochen hat, weil sie und ihr Vater sich nichts mehr zu sagen hatten. Und doch versucht sie über das Schreiben, über die Sprache sich wieder ihrem Vater anzunähern, zu erklären, wie sie zur sozialen Überläuferin ins Bürgertum geworden ist.

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Sie beschreibt, wie sie jetzt das Leben des Vaters aus der Bedeutungslosigkeit zu holen versucht, in die sie es – und damit auch ihr eigenes früheres Leben – verdrängt hatte.
Ist das der Preis des sozialen "Aufstiegs": die Verleugnung und Verdrängung der Herkunft, des Geschmacks, der Sprache und der Umgangsformen? Es ist ein Schreibprozess, der "selbstverständlich keine Freude" bereitet und zwischen der Welt des Vaters und der Welt der Tochter balanciert: "Vielleicht sein größter Stolz, sogar sein Lebenszweck: dass ich eines Tages der Welt angehöre, die auf ihn herabgeblickt hatte", konstatiert Ernaux.

Mit ihrem Schlüsselwerk "Der Platz" hat Annie Ernaux neue Maßstäbe des autobiographischen Schreibens gesetzt, indem sie das Thema der sozialen Herkunft und deren Überwindung in den Fokus nimmt.

Mit Stephanie Eidt

Aus dem Französischen von Sonja Finck
Musik: Martin Schütz
Hörspielbearbeitung & Regie: Erik Altorfer
hr 2020 | Hörspielpremiere

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Annie Ernaux

geboren1940, wächst in bescheidenen Verhältnissen in einem kleinen Ort in der Normandie auf. Nach dem Studium der Modernen Literatur in Rouen arbeitet sie zunächst als Lehrerin. 1974 veröffentlicht sie ihren ersten Roman "Les armoires vides". Ihr literarisches Werk ist im Wesentlichen autobiographisch. "Der Platz (La place)" wurde 1983 veröffentlicht. Das Hörspiel "Die Jahre" (hr 2018) wurde mit dem Deutschen Hörbuchpreis 2020 ausgezeichnet.

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Erik Altorfer

ist Hörspiel- und Theaterregisseur und Dramaturg. Er inszenierte und bearbeitete zahlreiche Hörspiele, leitete das Autorenförderprogramm „Dramenprozessor" (Schweizer Theaterpreis 2015) und initiierte Autorenprojekte in Europa, Lateinamerika und im Nahen Osten.

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Martin Schütz

arbeitet als Improvisator und Komponist mit elektrischem und akustischem Cello und elektronischen Mitteln. Als Komponist und Livemusiker ist er im Theater u. a. mit den Regisseuren Christoph Marthaler, Luc Bondy und anderen in Erscheinung getreten. Er schreibt und produziert auch regelmäßig Musik für Hörspiel, Tanz und Film. www.musicfromthe12thfloor.com online.

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Sendung: hr2-kultur, Hörspiel, 24.05.2020, 14:04 Uhr.

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