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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Wo hört die Toleranz auf? Wo fängt das 'Wir' an? - Der Islamforscher Ahmad Mansour

Ahmad Mansour

Nach einer Infratest-Dimap-Umfrage im Auftrag des Hessischen Rundfunks gehen 62 Prozent der Wahlberechtigten davon aus, dass die "Unterschiede in Kultur und Religion von Menschen mit verschiedener Herkunft" ein großes oder sehr großes Problem sind. Darum fragen wir beim kommenden Radioereignis in allen Hörfunkprogrammen des hr: "Herkunft, Kultur, Religion - Finden wir zusammen?" Der Berliner Islamforscher und Psychologe Ahmad Mansour findet im Gespräch mit hr2-kultur klare Worte.

hr2-kultur: Herr Mansour, irgendwo hat die Integration ja tatsächlich ihre Grenzen. Haben Islamisten und Salafisten überhaupt ein Interesse in dieser pluralistischen Gesellschaft zu leben?

Ahmad Mansour: "Also zunächst müssen wir festhalten, dass Islamismus und Salafismus nicht nur Flüchtlinge und Migranten betrifft, es gibt auch Menschen ohne Migrationshintergrund, die dieses einfache Weltbild suchen - und auch im Islamismus finden. Natürlich haben Islamisten und Salafisten kein Interesse an der Integration, an der Meinungsfreiheit, an der Religionsfreiheit. Aber zuallererst, meine ich, müssen wir definieren, was wir eigentlich mit 'Integration' meinen. Was erwarten wir eigentlich von den Menschen, die hier leben wollen?"

hr2-kultur: Was wäre das denn aus Ihrer Sicht?

Ahmad Mansour: "Vor allem nicht bloß: Sprache + Arbeit - Kriminalität. Das steckt leider in vielen Köpfen, auch jener Menschen, die viel mit Integration zu tun haben und damit arbeiten. Für mich bedeutet Integration, emotional anzukommen in diesem Land. Die Werte dieser Gesellschaft als eine Chance und nicht als Risikofaktor zu sehen. Nur dann, wenn diese Menschen emotional hier ankommen, können sie ein Teil dieser Gesellschaft werden."

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Radioereignis im hr

Herkunft, Kultur, Religion: Finden wir zusammen?
In der Reihe "Wir hören dich" - in allen hr-Radioprogrammen

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hr2-kultur: Viele Menschen fürchten allerdings, dass auf der Strecke bleibt, was ihnen wichtig ist: dass andere Werte sich durchsetzen und, dass die Kultur dieses Landes, wie auch immer sie genau aussieht, und die Formen des Zusammenlebens sich verändern. Und die Unsicherheit ist groß. Wo müssen wir Grenzen ziehen, um zu bestimmen: so weit sind wir tolerant, und hier geht es nicht weiter, weil sonst etwas Wesentliches von dem, wie wir leben möchten, nicht mehr Bestand hat?

Ahmad Mansour: "Ich habe ein Problem mit dem Begriff 'Leitkultur' - weil er auch für die Mehrheitsgesellschaft nicht so richtig definierbar ist. Wir müssen vom Grundgesetz ausgehen. Und wir müssen ein neues 'Wir' definieren. Das sollte ein 'Wir' sein, dass alle Menschen, die als Demokraten in einem Land leben, und die das Grundgesetz als emotionale Chance verstehen und teilen, einschließt.

Diese 'Wir-Wende' kann man nur schaffen, wenn man sich in der Mehrheitsgesellschaft klar macht: was erwartet man eigentlich von diesem 'Wir'? Was sind die Werte, die uns einen? Welche Themen müssen wir da ansprechen? Und da merkt man schnell, dass in der Integration vor allem patriarchalische Strukturen, Gleichberechtigung, Umgang mit Sexualität, Antisemitismus, Meinungsfreiheit und natürlich auch Religionsfreiheit die Themen sind, mit denen die Leute einfach aufgrund ihrer Sozialisation Schwierigkeiten haben. Wenn wir diese Themen aktiv definieren, dann können wir die Leute auch damit erreichen."

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Ahmad Mansour

Ahmad Mansour ist Islamforscher, Islamismus-Experte und Psychologe. Er beschäftigt sich allerdings nicht nur theoretisch mit Islam und Migration, sondern ist auch viel unterwegs in Asylheimen, in Integrations- und Willkommensklassen und hat in den letzten Jahren viel zu Integration und Migration hautnah miterlebt. Er plädiert für klare, legale Regelungen von Asyl und Einwanderung - und für eine "Wir-Wende", hin zu einem integrativen Verständnis einer Gesellschaft auf Basis unseres Grundgesetzes. Integration müsse mehr sein als "Sprache + Arbeit - Kriminalität".

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hr2-kultur: Andererseits sagen selbst sehr gut integrierte Menschen, denen man ihre Herkunft vielleicht nur noch am Namen ansieht, dass sie immer noch nicht als zugehörig angesehen werden, dass sie immer noch gefragt werden, wo sie ursprünglich herkommen. Woran kann das liegen?

Ahmad Mansour: "In erster Linie glaube ich fest, dass die Integration eine Bringschuld der Zugewanderten ist. Aber auch die bestmotivierten Menschen, die Deutschland gewählt haben, um hier in Freiheit zu leben, begeisterte Demokraten, werden scheitern, wenn sie auf eine Mehrheitsgesellschaft treffen, die nicht bereit ist, ihnen Zugänge zu ermöglichen, diese Menschen auf zu nehmen. Und zwar nicht nur mit Teddybären und Willkommenskultur, sondern als Nachbarn, als Kollegen und als Menschen, denen man auf Augenhöhe begegnet, und die man als Teil dieser Gesellschaft sieht."

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 18.9.2019, 8:40 Uhr

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