zwei Stühle und ein Tisch im Schnee

Rund um den Globus verhängen Länder Ausgangsperren, das Lebensumfeld schnurrt zusammen – viele Menschen sitzen in Quarantäne. Der Künstler Clemens Krauss reagiert auf diese Situation mit einem recht ungewöhnlichen Angebot. Er lädt Interessierte ein, mit ihm in eine Interaktion zu treten: in Form einer psychoanalytischen Sitzung.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Isolation Consultation" – Psychoanalyse als Kunstperformance

Clemens Krauss
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Clemens Krauss ist Künstler und Arzt und Psychoanalytiker. Er hat Medizin studiert, eine siebenjährige Ausbildung zum Psychoanalytiker gemacht und ein Kunststudium durchlaufen. Die Psychoanalyse, die Kenntnisse der Therapie wollte er von Anfang an in seine Kunst einfließen lassen. Seine Werke, Bilder und Videoarbeiten kreisen um die Frage der menschlichen Identität. Er untersucht "Die Rolle des Individuums in unserer Gesellschaft", verschmilzt dabei soziale, politische und  autobiografische Themen. Malerei und Performance, Skulptur, Video und Psychoanalyse existieren bei ihm miteinander und nebeneinander und befruchten sich gegenseitig. Damit wird die Psychoanalyse bei ihm zum künstlerischen Mittel.

Dass Psyche und Kunst miteinander in enger Verbindung stehen, ist einsichtig. Dass ein Künstler sein Innerstes in die Kunst transferiert, entspricht der klassischen Vorstellung. Aber kann ein Gespräch, bei dem es um die Psyche, um seelische Belange geht, auch schon an sich Kunst sein?

Clemens Krauss versteht den Dialog zwischen zwei Menschen, einem Fragenden, einem Beobachtenden und einem sich Öffnenden als künstlerischen Prozess. Damit kann ein unter bestimmten Umständen stattfindendes Gespräch Kunst sein. Eben eine Performance. Vielleicht ist es im Sinne einer zunehmenden Entdinglichung von Kunst sogar eine besonders pure Form eines künstlerischen Prozesses. Vergleichbar mit einem gemeinsamen Musizieren, ohne Publikum. Bisher hat er diese Gespräche immer im Rahmen einer seiner Ausstellung angeboten. Sie waren neben seinen Bildern und Videos Teil des künstlerischen Werkes, der Besucher konnte dem Künstler in den Gesprächen begegnen.

Und jetzt finden diese digital statt?

Weitere Informationen

Online-Künstlerperformance mit Clemens Krauss

"Isolation Consultation"

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Genau. Seit Mitte März bietet Clemens Krauss unter dem Titel "Isolation Consultation" Online-Gespräche über Skype oder Facetime an. Über eine Email-Adresse kann man sich anmelden und ein 50minütiges Gespräch mit ihm führen. Er führt diese Gespräche täglich, auch am Wochenende. Ausgangspunkt ist das Erleben der Isolation und der Quarantäne, ausgelöst durch die Corona-Pandemie. Er will diese Gespräche noch bis Anfang Mai fortsetzen, manchmal bleibt es bei einem Termin, häufig sind es zwei bis drei pro Teilnehmer.  

Werden diese Gespräche in irgendeiner Form dokumentiert?

Nein, die Gespräche sind privat, sie finden in einem geschlossenen Raum statt, aus dem keine Inhalte nach außen dringen. Das ist Grundvoraussetzung für jedes psychoanalytisches Gespräch. Es ist auch eine Form von Experiment, sich online zu treffen mit jemanden, der einem vollkommen fremd ist. Clemens Krauss hat mir allerdings berichtet, dass ähnlich wie bei "normalen" psychoanalytischen Sitzungen auch, recht schnell intime Themen zur Sprache kommen. Häufig geht es um Ängste, um die Bewusstwerdung der Sterblichkeit, um intensive Gefühle.

Kraus berichtet, dass in vielen Gesprächen die Frage aufkommt, ob wir in einer "Wendezeit" leben, in einem Umbruch, in dem nicht nur gesellschaftliche, sondern auch intrapsychische Fliehkräfte getriggert werden. Auch scheint es kollektive Konfliktmuster und Abwehrstrategien zu geben. Ihn interessiert die Sicht auf den Menschen durch den Menschen. Er berichtet allerdings auch, dass dieser Sitzungsmarathon auch für ihn sehr anstrengend ist. Er liefert sich den Gesprächen aus und entwickelt dadurch Empathie für das Ausgeliefertseins, das so viele Menschen in der gegenwärtigen Situation empfinden.

Die "Isolation Consultation" ist als Kunstprojekt gestartet. Nehmen denn auch viele Menschen aus der Kunstwelt teil?

Tatsächlich berichtet Krauss von Künstlern, Autoren, Kunsttheoretikern. Auch für ihn sei es wichtig, mit anderen Künstlern in Austausch zu treten, gerade auch mit solchen, die er nicht vorher kannte und die verstreut in der ganzen Welt leben.

Könnte ich mich denn auch anmelden, oder Hörerinnen und Hörer, wenn es sie interessiert?

Ja, er hat noch Termine frei. Er nimmt auch kein Honorar für diese Sitzungen, weil er sie als künstlerischen Austausch betrachtet und nicht als Einnahmequelle. Das Projekt wurde von dem Ausstellungshaus "Haus am Waldsee" in Berlin gefördert – man bekommt auf deren Homepage Einsichten in die Arbeit von Clemens Krauss und findet die wichtigsten Informationen.

Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 24.4.2020, 7:30 Uhr

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