Wutnickel, sanft-liebender Virtuose, Visionär - Charles Mingus. Der Impetus seiner Musik ist bis heute im Jazz spürbar - und weit darüber hinaus. Wir feiern in dieser vierstündigen Themensendung den virtuosen Kontrabassisten, einflussreichen Bandleader und Komponisten, der mit der Sinnlichkeit und Maßlosigkeit seiner Sounds begeistert. Er hat Musikerinnen und Musiker aller Gattungen inspiriert - vom Rock bis zur Neuen Musik. Roger Willemsen sagte: "Charles Mingus klang schon 'fett', als es den Ausdruck noch nicht gab."

Charles Mingus war nicht nur ein herausragender Kontrabass-Virtuose, sondern auch einer der bedeutendsten und einflussreichsten Komponisten und Bandleader des Modern Jazz. Mit seinen legendären Jazz-Workshop-Bands leitete er um 1960 die Loslösung des Jazz von konventionellen Song-Formen ein. Er war ein Mensch und Musiker voller Widersprüche.

Charles Mingus verkörperte Paradoxes: Zornig und mitunter egomanisch holte er das Konzept der Kollektivimprovisation zurück in den Jazz. Mingus löste den Jazz von überkommenen und erstarrten Formen, weitete das Spiel mit Rhythmus- und Metrum-Wechseln, steht zugleich in dem Ruf, ein unerschütterlicher Traditionalist und entschiedener Verfechter des Groove zu sein.

Zu hören sein werden außerdem Passagen aus Charles Mingus‘ Autobiografie "Beneath the Underdog". Es ist die wohl zornigste, unkonventionellste und schonungsloseste Autobiografie, die je im Jazz geschrieben wurde (Mingus schildert sein Leben darin konsequent in der dritten Person). Ein Kritiker meinte, der exzessive, anmaßende Tonfall von "Beneath the Underdog" nehme den Gangsta Rap der Hip-Hopper um Jahrzehnte voraus.

(Übernahme von SWR2)

Sendung: hr2-kultur, "Charles Mingus", 22.04.2022, 20:04 Uhr.