Koma, das scheint auch auf Schwedisch und Finnisch das Gleiche zu bedeuten wie im Deutschen. Saxofonisten im Koma also? Oder doch Saxofonisten, die uns ins Koma spielen? Es ist jedenfalls aufwühlend, was die Herren von Koma Saxo auf die Bühne bringen, eine Musik, die die Kraft hat, uns im Innersten zu treffen und kräftig durchzuschütteln.

Petter Eldh’s "Koma Saxo"

Mikko Innanen - saxophone
Otis Sandjö - saxophone
Jonas Kullhammar - saxophone
Petter Eldh - bass
Chrsitian Lillinger - drums

(Übertragung aus dem hr-Sendesaal in Frankfurt)

"Grooviger Avantgarde-Jazz ... mit Reibungspotential und Vision" ist ein Versuch, die Musik von Koma Saxo auf den Begriff zu bringen. Vielleicht bringt uns die Beschreibung des Personals weiter. Da ist Bandleader und Bassist Petter Eldh, dessen Biografie so manchen Kulturpessimisten mit Hoffnung erfüllen könnte, denn, so liest man jedenfalls auf Wikipedia, "Eldh ... hörte zunächst Hip-Hop-Musik ..., bevor er sich mit 13 Jahren unter dem Eindruck der Musik von Charlie Parker dem Jazz zuwandte".
Zu ihm gesellt sich Schlagzeuger Christian Lillinger, der seit einiger Zeit in sämtlichen Bands zu spielen scheint, die ernsthaft eine eigene, neue Richtung einschlagen.

Dazu kommen noch die Saxofonisten: der Finne Mikko Innanen, der am liebsten Bariton-, Alt- und Sopraninosaxofon spielt, sowie zwei schwedische Tenöre: Jonas Kullhammar mit einem markant-kraftvollen Ton und hymnischer Intensität zeichnen ihn aus sowie der neun Jahre jüngere Otis Sandsjö, der mit weicherem Ton faszinierende Klangflächen aus Zirkularatmung, rhythmischem Tastenklappern und Überblasklängen schafft.
Zusammen bilden diese fünf Herren eine schlagkräftige Truppe mit einem eigenen Sound und enormer Energie.

Lucia Cadotsch - "Speak Low"

Lucia Cadotsch - vocals
Otis Sandjö - saxophone
Petter Eldh - bass

Für ihr 2016 erschienenes Album "Speak Low" wurde die Schweizer Sängerin Lucia Cadotsch mit internationalen Lobeshymnen geradezu überschüttet. Einhellig bewundert wurde ihr Mut, sich von gängigen Mustern des Jazzgesangs zu lösen und auf vordergründige Ausdrucksmittel zu verzichten.
Stattdessen vertraut Lucia Cadotsch auf die Songs selbst, auf die Kraft, die in der Kombination von Text und Melodie längst angelegt ist. Ihren folkartig glockenreinen Gesang stellt sie allerdings in einen Kontext, wie man ihn so zuvor noch nicht gehört hatte: Petter Eldhs zugleich kraftvolles und hochbewegliches Bass-Spiel und Otis Sandjös endlos erscheinende Tongirlanden, die sich dank Zirkularatmung zu einem harmonischen Teppich verbinden, mal weich und zärtlich gehaucht und mal kraftvoll überblasen.

Aus dem Zusammenspiel von Stimme, Saxofon und Kontrabass entsteht ein Sound, der die Songs des Great American Songbook auf eine neue, überraschende Weise zeitlos und bedeutungsvoll erscheinen lässt.
Auf dem im November 2020 erschienenen Nachfolgealbum "Speak Low II" wagen sich Lucia Cadotsch und ihre beiden "Meister des Retrofuturismus" auch an den Folksong "Black is the colour of my true love’s hair" oder an Randy Newman’s dunkelschöne Ballade "I think it’s gonna rain today". Wieder gelingt es den dreien, mit minimalen Mitteln ins Herz der Stücke vorzudringen.

Am Mikrofon: Daniella Baumeister

Sendung: hr2-kultur, "52. Deutsches Jazzfestival", 31.10.2021, 19:04 Uhr.