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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Julia Wolf sieht Künstliche Kreative Intelligenz kommen

Die Schriftstellerin Julia Wolf

Schriftsteller haben oft ein gutes Gespür für zukünftige Entwicklungen. Julia Wolf versucht sich vorzustellen, was es für ihren Beruf bedeutet, wenn Schreibprogramme anfangen, Romane zu schreiben - und will sich dabei nicht von Zukunftsangst überwältigen lassen.

Macht Ihnen der Fortschritt der Computerprogramme Sorgen?

Die Vorstellung ist wie im Märchen: Die Software analysiert, was man bisher so geschrieben hat und schreibt dann den Text zu Ende. Aber ich versuche, auch wenn es mal eine Schreibblockade gibt , den Schreibprozess als das zu nehmen, was wichtig ist, den Prozess zu genießen. Diesen kreativen Prozess will ich voll und ganz leben. So ein Algorithmus ist aufs Ende ausgerichtet. Ihm geht es um gar nichts. Wenn man so einen Algorithmus anwenden würde, ginge es um das Endprodukt. Und für mich ist Schreiben mehr als nur das Endprodukt. Es geht eben auch um den Prozess des Schreibens.

Es heißt ja bei einem Bewerbungsgespräch immer so schön: Wo sehen Sie sich in zehn Jahren? Julia Wolf, wo sehen Sie sich als Schriftstellerin in – sagen wir – 20 Jahren?

Schreibautomat von Pierre Jaquet-Droz

Das ist eine interessante Frage; es passiert ja gerade so viel. Es gibt ja schon Beispiele von Schreibprogrammen, die Bücher schreiben. In Japan hat es ein Text, der von einem Schreibprogramm geschrieben wurde, bei einem Literaturpreis relativ weit geschafft, nämlich bis in die Endrunde. Es kann gut sein, dass künstliche, kreative Intelligenzen auch Bücher schreiben. Die werden bestimmt am Anfang noch nicht so gut sein und noch nicht den literarischen Ansprüchen genügen. Aber wenn ich mir anschaue, was gerade so alles passiert mit künstlichen Intelligenzen, dann finde ich es fast naiv zu glauben, dass das nicht kommen könnte.

Was das für mich als Autorin bedeutet? Erst mal ist das eine beängstigende Vorstellung. Alles, was uns Menschen vermeintlich einzigartig macht und worauf wir uns sehr viel einbilden, ist eben nicht mehr so einzigartig, wenn es von künstlichen Intelligenzen übernommen werden kann. Gleichzeitig bringt ein erzwungenes Sich-selbst-neu-erfinden auch Möglichkeiten. Ich finde es sehr komplex und schwierig, eine konkrete Antwort darauf zu geben.

Sind Sie dann überhaupt noch Urheberin Ihrer Texte?

Wahrscheinlich nicht, aber dann wiederum: Wenn der Algorithmus basierend auf dem, was ich geschrieben habe, die neuen Texte schreibt, dann habe ich ja auch Einfluss darauf genommen und einen Anteil daran.

Was steht dann mehr im Vordergrund: Ihre Person oder Ihre Texte? Lässt sich das überhaupt trennen?

Julia Wolf
Weitere Informationen

Julia Wolf

Julia Wolf war 2017 für ihren Roman "Walter Nowak bleibt liegen" für den Deutschen Buchpreis nominiert und schreibt neben Prosa auch fürs Theater, für Radio und Film.

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Ich würde sagen, wir sind weit entfernt von dem von Roland Barthes verkündeten Tod des Autors. Heute läuft der Literaturbetrieb ja viel darüber, welche Person hinter einem Text steht. Bei einer Zunahme von künstlichen Intelligenzen, die schreiben, würde dass auch ein bisschen davon weglenken. Ich weiß es nicht. Aber momentan ist es so, dass die Person des Autors oder der Autorin sehr im Mittelpunkt steht, wenn es um Texte geht.

Vor allem wenn es darum geht, Figuren psychologisch tiefgehend zu entwickeln ist ja schon fraglich, ob eine Software das auch leisten kann.

Ja, aber wenn man sich überlegt, dass künstliche Intelligenzen bald soweit sind, dass sie den Menschen überhaupt nicht mehr brauchen, um sich neue Sachen beizubringen, dass sie autark werden, dann ist die Annahme, dass so ein Programm das nicht könnte, gar nicht wahr.

Wenn ich mir überlege, was in den letzten Jahren mit anderen Sprachprogrammen – Übersetzungsprogrammen und so weiter – passiert ist, und wie schnell sich das entwickelt hat, dann frage ich mich, wenn das in diesem Tempo weitergeht: Wer weiß, ob da nicht eine künstliche Intelligenz einen Roman schreiben kann, dessen Figuren Tiefe haben und die sich vielleicht nicht unterscheiden lassen von Romanfiguren, die von Menschen geschaffen wurden. Ich glaube, das da sehr, sehr viel möglich ist.

Macht Ihnen das Angst?

Natürlich macht mir das Angst. Ich hoffe nur, dass da auch etwas freigesetzt wird, was positiv ist. Es gibt eine Serie, die "Humans" heißt. Da wird an einer Stelle gesagt: Die Maschinen sind wie Menschen, damit die Menschen weniger wie Maschinen sein müssen. Was passiert mit uns, wenn wir so freigesetzt werden, dass die Zeit, die wir jetzt damit verbringen Bücher zu schreiben, was machen wir dann mit dieser Zeit und welche positiven Potenziale bietet diese Entwicklung? Das finde ich auch eine interessante Frage.

Wobei der Missbrauch von all diesen Datenmengen, die erstellt werden, und die Gefahr, die davon ausgeht, überhaupt nicht unterschätzt werden darf. Für das Projekt hat mich auch schon interessiert: Welche positiven Aspekte kann das haben?

Die Fragen stellte Catherine Mundt.

Weitere Informationen

Acht Visionen – Zukunft, Arbeit, Literatur

Lesungen am 22. April und 24. Juni im Museum für Kommunikation

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Sendung: hr2-kultur, "Kulturcafé", 19.02.2020, 17:10 Uhr

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