In seinem Violinkonzert schlüpfte Strawinsky musikalisch in wechselnde Stilkleider: Glasunow, Pergolesi und Carl Maria von Weber. Er spielte in dieser Musik gekonnt mit dem Reiz des scheinbar Vertrauten, um es ironisch zu durchbrechen. Das war überraschend und zugleich unberechenbar.

Sergej Krylov, Violine
Leitung: Nicola Luisotti

Bach: Passacaglia und Fuge c-Moll BMV 582 in der Orchesterfassung von Leopold Stokowski
Strawinsky: Violinkonzert
Brahms: 4. Sinfonie e-Moll op. 98

(Aufnahmen vom 27./28. Januar 2011 aus dem Großen Saal)

Von klassischen Vorbildern ließ er sich nicht leiten. Vielmehr bemerkte er: Er glaube nicht, dass die Standard-Violinkonzerte von Mozart, Beethoven oder Brahms zu den besten Arbeiten dieser Komponisten gehörten. Das Violinkonzert von Schönberg – streng zwölftönig komponiert – bewunderte Strawinsky allerdings. Es sei die Ausnahme von der erwähnten Regel.

Johannes Brahms komponierte seine vierte und letzte Sinfonie in den Sommermonaten der Jahre 1884 und 1885, wo er in Mürzzuschlag auf dem Semmering seine Ferien verbrachte. An eine Freundin schrieb er: "Die Kirschen werden hier nicht süß". Damit spielte er auf den herben Charakter der vierten Sinfonie an. Als Brahms sie auf dem Klavier Freunden vorspielte, darunter Clara Schumann, löste sie eher Befremden und Ratlosigkeit aus. Der Kritiker und spätere Brahms-Biograph Max Kalbeck riet sogar, das Werk zurückzuziehen. Dazu kam es glücklicherweise nicht.

Anschließend:
Mozart: Streichquartett B-Dur KV 458 "Jagd-Quartett" (Emerson String Quartet)

Sendung: hr2-kultur, "Konzertsaal", 24.05.2022, 20:04 Uhr.