Lang Lang

Johann Sebastian Bachs berühmte Goldberg-Variationen sind ein Werk von unglaublicher Architektur und musikalischem Genie, der Mount Everest im Klavierrepertoire. Jetzt hat der chinesische Pianist Lang Lang die Goldberg-Variationen eingespielt. hr2-Musikredakteurin Adelheid Kleine hat Lang Lang in Beijing erreicht und mit ihm darüber gesprochen.

Lang Lang, können Sie sich noch daran erinnern, als Sie das erste Mal die Noten der Goldberg-Variationen aufgeschlagen haben? Das ist schon lange her, richtig?

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Star-Pianist Lang-Lang über die Goldberg-Variationen

Lang Lang
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Ja, das ist jetzt 28 Jahre her, da war ich 10, und ich habe mir Glenn Gould angeschaut, ein Video, in dem er erklärt, warum er die Variationen mit solch dramatischen Kontrasten spielt. Das hat mich inspiriert. Und in den vielen Jahren danach hat mich die Barockmusik immer begleitet, ich habe große Musiker wie Harnoncourt, Barenboim, Eschenbach und Andreas Staier getroffen und den Barockstil nach und nach besser verstehen gelernt, vor allem, wie sich diese Musik vom Cembalo oder der Orgel aufs moderne Klavier übertragen lässt.

Die Goldberg-Variationen sind ja ursprünglich für Cembalo mit zwei Manualen geschrieben worden – und Sie haben sich tatsächlich auch viel ans Cembalo gesetzt und Künstler wie Nikolaus Harnoncourt oder den Cembalisten Andreas Staier aufgesucht, bevor Sie die Variationen auf dem modernen Flügel aufgenommen haben. Was konnten Sie dabei für Ihre Interpretation entdecken?

Das Cembalo hat einen typischen Klang: sehr trocken, aber auch sehr schön klar zwischen den Tönen. Das haben wir nicht beim Klavier. Und wir müssen lernen, diese Artikulation, diese Klarheit auf’s moderne Klavier zu übertragen. Und dann haben wir natürlich auch die Verzierungskunst, die habe ich am Cembalo gelernt, und sie lässt sich am Klavier sehr gut übernehmen – man muss sehr leicht spielen, wie auf dem Cembalo.

Aber es geht dabei auch um den barocken Orgelklang: Wenn man beim  Cembalo beide Manuale gleichzeitig nutzt, kann man mit verschiedenen Registern großartige Harmonie-Effekte erzeugen. Auf dem Klavier ist das nicht möglich, aber: wir können die Goldberg-Variationen mit großen dynamischen Unterschieden spielen, größer als bei anderen Bach-Stücken.

Lassen Sie uns nochmal kurz über’s Handwerk sprechen: Wie üben Sie so ein Stück?

Ich habe als Teenager einige Variationen morgens als Fingerübung gespielt. Und in all den Jahren habe ich die langsamen Variationen nachts geübt, wenn ich mit meinem anderen Repertoire fertig war. Also immer verschiedene Einheiten: virtuose einerseits und ruhige, introvertierte andererseits. Und dann habe ich die Kanons geübt und versucht, sie in einen Zusammenhang zu bringen.

Bach hat die Goldberg-Variationen 1741 ja dem Liebhaber zur "Gemüthsergötzung" komponiert, was machen die Goldberg-Variationen mit Ihnen, wenn Sie am Flügel sitzen? Wenn Sie beginnen – und wenn Sie dann anderthalb Stunden später die letzte Note spielen?

Das ist eine echte Reise durchs Leben. Das fängt ganz einfach und ruhig mit der Aria an, und dann kommt man mit jeder Variation allmählich in verschiedene Stimmungen und Charaktere. Bis zur Nummer 15. Das ist so, als hätten wir den Anschluss verpasst. Und mit der Nummer 16 fängt der zweite Teil an, wir denken nochmal über alles nach. Das wird dann noch ganz düster und tragisch, man fällt von der höchsten Note des Stücks bis zur tiefsten, vielleicht der dunkelste Moment unseres Lebens.

Es wendet sich aber alles zum Guten. Und ganz am Ende findet man sich als alter Mensch wieder und sinniert über das Leben.

Also sind die Goldberg-Variationen eine Reise zu sich selbst?

Ja. Das ist echte Philosophie. Und das erstaunliche daran ist: Jede Variation spielt man ja zweimal, und beim zweiten Mal verändert, mit Verzierungen. Wie ein zweites Leben! Beim zweiten Mal macht man’s anders!

CD Mockup Lang Lang Goldberg-Variationen

Und wenn man da durch ist, hat man viel erlebt. Und je öfter man die Goldberg-Variationen spielt, je besser man sie kennt, umso mutigere Entscheidungen trifft man beim Spielen. Und umso mehr lernt man die Reise schätzen.

Johann Sebastian Bachs Goldberg-Variationen mit dem Pianisten Lang Lang gibt es gleich zweimal übrigens: Als Live-Aufnahme aus der Leipziger Thomaskirche und als Studioversion. Lang Lang – vielen Dank für’s Gespräch!

Sendung: hr2-kultur, Klassikzeit, 04.09.2020, 11:30 Uhr

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