Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Am eindrücklichsten spricht sie von der Stille."

Verwaiste Basilika von Assisi

In den letzten Wochen und Monaten wurden nicht nur in Deutschland im Zuge der Pandemie Ausgangs- und Kontaktsperren verhängt. Auch Künstler mussten in die Quarantäne. Manche haben über diese Zeit geschrieben, Annette Weisser und Debra Brehmer stellen wir heute vor.

Was zeichnet die Texte, die Sie heute vorstellen, aus?

Die Berichte von den Künstlerinnen sind sehr persönlich, teilweise beinahe intim - und berichten von subjektiv von eigenen Erfahrungen in der Isolation in sehr verschiedenen Lebenssituationen. Annette Weisser etwa reflektiert über ihre Quarantäne zu Hause und ihre Situation als getrenntlebende Mutter. Sie ist Bildende Künstlerin und Schriftstellerin. Man findet ihren Text auf ihrer Homepage und auf der Online Plattform "Texte zur Kunst".

Womit befasst sie sich in ihrem Beitrag?

Sie schreibt darüber, wie sie zum einen eine neue Aufmerksamkeit für ihre Wohnung bekommt, die sich in Putzaktionen äußert. Wie sie jede Ritze und jeden Spalt ihrer Wohnung kennen- und lieben lernt. Dass jedes Staubkorn wie vergrößert wirkt.

Notes from Quarantine von Annette Weisser

Dass sie deutlich wahrnimmt, zu welcher Uhrzeit die Sonne über den Dachfirst steigt und wie sie vor einigen Wochen lange Zeit dem Treiben eines unerwarteten Schneesturmes zusah. Sehr persönlich berichtet sie über die Beziehung zu ihrem 8-jährigem Sohn, der eine Woche bei ihr und eine Woche bei seinem Vater lebt. Wie belastend die Situation des Homeschooling ist, wie sie um die Aufrechterhaltung eines Tagesplanes kämpft und wie sich die Beziehung zu ihrem Kind verändert, weil sie so viele Stunden und Tage ununterbrochen zusammen sind. Dass sich Grenzen im Zusammenleben zeigen und wie ihr elterliches Selbstbild Risse bekommt.

Dann ist der Sohn aber wieder fort und Annette Weisser kann wieder künstlerisch arbeiten?

Sie schreibt zwar davon, dass die Tage verheißungsvoll leer seien, wie gemacht zum Lesen und Schreiben, dass sie dann aber doch angefüllt werden mit Putzen und Joggen. Sie spricht davon, wie sie sich durch Körperpflege der Außengrenze ihres Körpers vergewissert, um nicht zu zerfließen. Sie spricht auch davon, dass sie ihren Sohn dafür liebt, dass er Wege findet die Kontaktsperre zu umgehen.

Sie haben uns noch einen zweiten Text mitgebracht, der nicht in der Großstadt entstanden ist?

Die Autorin und Kuratorin Debra Brehmer hat ihren Text aus dem nahezu vollständig verlassenen Assisi in Italien geschrieben. Sie war dort im Rahmen eines 5-wöchigen Artist in Residence Programmes, als der Virusausbruch in Italien um sich griff und beobachtete das Ausbleiben der Touristenströme und die Veränderung des Ortes. Am 7. März verließ sie dann Italien, bevor zwei Tage später alle Flüge von und nach Rom ausgesetzt wurden.

Was berichtet sie von dem verlassenen Assisi?

Am eindrücklichsten spricht sie von der Stille. Wie sie die Tauben auffliegen hörte, wie eindrücklich das Geräusch war, eine Tasse auf die Untertasse zu stellen. Und wie die äußere Stille des Ortes zu einer inneren Stille führte.

Das klingt ein bisschen wie die Wirkung eines Retreats oder einer Meditation.

So ließt es sich auch ein bisschen. Ihr Artikel zeigt eine Reihe von Fotografien der vollständig leeren Basilika mit den Wandmalereien von Giotto. Debra Brehmer beschreibt wie sie zwei Wochen lang jeden Tag in der Kirche war, sich die Wandmalereien betrachtete und durch die Stille des Ortes und das Wissen um die Pandemie einen neuen Zugang zu ihnen fand. Weniger den der analytischen Betrachtung, mehr einen geistigen, vielleicht sogar religiösen.

Geben Sie uns ein Beispiel?

Giotto: Franz von Assisi predigt den Vögeln

Sie schreibt über das berühmte Fresko "Predigt zu den Vögeln" von Giotto, das vermutlich in jedem Kunstunterricht über die frühe Renaissance besprochen wird. Die vom Himmel herabfliegenden Tauben erinnern sie an Engel. Der Heilige Fransziskus macht sich barfuß in die Wildnis auf und hat keine Angst verletzlich zu sein. Er spricht die Vögel als Brüder an und versteht sich als Mitglied der Familie aller Geschöpfe. Entsprechend endet ihr Text mit der Einsicht, dass wir durch die Pandemie die Gelegenheit haben unsre Art auf der Welt zu leben zu überdenken. Ein ungewöhnlicher, reflektiver Text, der gut tut.

 Sendung: hr2-kultur, Kulturfrühstück, 29.4.2020, 7:30 Uhr

 

 

Aktueller Song:
Lädt
Lädt
Lädt - Lädt
Lädt - Lädt
mit